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Sarah Jäggi berichtet aus Honduras

Seit Anfang Oktober 2007 arbeitet Sarah Jäggi (1973) in Tegucigalpa bei El Heraldo, einer der vier Tageszeitung von Honduras. Sie studierte Geschichte und Publizisitk und arbeitet als freie Journalistin für verschiedene Zeitungen in der Schweiz, so auch für die Mittelland-Zeitung, den Tages Anzeiger und Das Magazin.

28. September 2007
Die Frage trifft mich unerwartet, am Check-in-Schalter, am Flughafen Zürich: Was das sei, was da auf meinem Flugticket stehe: Tegucigalpa. Hups, die Hauptstadt von Honduras. Beim Umsteigen in Dallas ist meine Destination bereits ein Begriff, in Miami spricht mich die Taxifahrerin schon auf Spanisch an und hält mich für eine Missionarin. In Tegucigalpa schliesslich lässt man mich, nach einer kurzen Befragung - wie geht es ihnen? Wie sind sie gereist? - mit einem "Muy bien venido" einreisen. Kurzer Weiterflug mit
12 anderen Passagieren im vollbesetzten Flieger an die Küste, nach La Ceiba.

28.9.07

29. September 2007
Das bekannte Gefühl in den ersten Stunden und Tagen einem neuen Land. Dieser totale Überfluss an neuen Eindrücken und als Gipfel der Überforderung auch noch rote Bohnen zum Frühstück. Die Überzeugung, hier werde ich mich nie zurecht finden und schon gar nicht alleine auf die Strasse gehen. Definitiv. Und gleichzeitig das Wissen, dass es sein wird wie immer, dass mich spätestens morgen die Lust auf eine neue, fremde, schöne Welt aus dem Haus hinter dem Gitterzaun treiben würde.

1. Oktober 2007
Kurze Liste der Speiselokale in La Ceiba, Honduras: Kentucky Fried Chicken, Burger King, Mc Donalds, Dunkin Donuts, Baskin Robbins, Popeyes Chicken&Seafood, Pizza Hut und Pollo Campero.

3. Oktober 2007
Ein Radiospot, höre erstmals beim Frühstück von "meiner" Zeitung: El Heraldo. Eine wohltemperierte Stimme spricht den Text. Würde man ihn nicht verstehen, man könnte schwören, er handle von Zuckerwatte. Oder von einer neuen Altersresidenz im nebelsicheren Baselland. Die Stimme aber sagt: El Heraldo. Die wichtigste Zeitung des Landes. Erfahren Sie alles über Heliberto Chi, den Honduraner im Todestrakt von Texas. Sein letztes Mittagessen. Seine letzten Worte. Seine Hinrichtung.
Die Tränen seiner Mutter. Die Gefühle seines Bruders. Alles bei El Heraldo, der wichtigsten Zeitung des Landes.

4. Oktober 2007
Die Hinrichtung von Heliberto Chi wurde vertagt. Der Spot läuft wieder zum Frühstück.

6. Oktober 2007
Erstmals habe ich El Heraldo in den Händen. Mehr noch, die Wahrheit habe ich in den Händen, wie der Untertitel "La verdad en sus manos" heisst. Tabloidformat, ein riesiges Bild auf der Frontseite mit den drei Toten, die am Tag zuvor in einem Bus aus unbekannten oder überhaupt gar keinen Gründen erschossen wurden. Dazu etwas Sport und ein paar Zeilen zum Stand der Verhandlung am Internationalen Gerichtshof in Den Haag. Die seit Jahren dauernden Streitigkeiten um die maritime Grenze zwischen Honduras und Nicaragua sollen geklärt werden.

9. Oktober 2007
Erster Arbeitstag bei El Heraldo, ein Empfang, wie er freundlicher nicht sein könnte. Mirjam macht mit mir die grosse Runde durch die salla de redaccion, wo so gut wie alle Journalisten und Journalistinnen arbeiten. Erst stellt sie mich im Inlandresort vor, rückt mich ins beste Licht und sagt zum Abschluss, dass ich mich im Speziellen für politische Themen interessieren und gerne über solche berichten würde. Als nächstes das Sportressort, wo die Redaktoren erfahren, dass ich mich im Speziellen für Sportthemen interessieren und gerne über solche berichten würde. Und nochmals die gleiche Rede in den Ressorts Kultur, Hauptstadt und Wirtschaft. Als es dann, nach einem Gespräch und Kaffee aus der Mikrowelle konkreter wird, werde ich fürs erste dem Kulturressort zugewiesen. Wobei es nicht darum gehe, Musikgruppen, Bücher, Ausstellungen, Theater - so es denn überhaupt welche gäbe - zu kritisieren, sondern die Kunstschaffenden mit einer positiven Berichterstattung zu unterstützen.

Kurz vor Feierabend dann der erste Termin. Mit Fotograf, Kulturredaktor und Fahrer geht’s zur Asociación Literaria de Honduras, wo zwei Schriftsteller und eine Schriftstellerin geehrt werden. Schnell ein paar Fotos und drei Fragen an den Veranstalter und dann - noch bevor der Anlass begonnen hat - zurück in den Bus, auf die Redaktion und - Feierabend.

 

10. Oktober 2007

Mit dem Stadtressort auf Reportage. Wir sind zu viert, ein Journalist, eine Journalistin, ein Fotograf und ich, mit dabei auch eine Liste, die uns sagt, was wir zu erledigen haben. Der Fotograf braucht einen wolkenverhangenen Himmel, also fahren wir in ein Quartier, von wo aus man Sicht auf schwere, schwarze Wolken hat. Dann gehst zurück in die Stadt, Augustin muss über eine internationale Konferenz schreiben, bei der es um die Verringerung von bürokratischen Hürden für Investoren geht. Also besuchen wir gemeinsam die Pressekonferenz, schreiben uns ein, fassen Pressemappen und stehen dann rum, bis unser Kollege seinen Stoff beisammen hat.

10.10.07

Die Konferenz läuft noch, wir sind schon wieder weg, zum Stadtpark, wo das Rote Kreuz Aktivitäten zum Internationalen Tag zur Verhinderung von Umweltkatastrophen organisiert. Rettungsteams erklären ihre Arbeit, Kinder führen Tänze auf und obwohl der offizielle Teil schon vorüber ist, erfahren wir von einem Rotkreuz-Mitarbeiter einiges über das Projekt, in welchem in Tegucigalpa ganze Schulen für Umweltkatastrophen sensibilisiert werden.

Plötzlich heisst es, schnell, wir müssen weiter, es fehlen noch Bilder. Wir fahren an unzählige Ort, mal muss ein Bachbett, dann ein Bus, das Parlamentsgebäude, ein Armenviertel fotografiert werden.

10.10.07

Irgendwann treffen wir eine Polizistin, sie steht am Strassenrand, scheint zu warten. Porfavor, wo müssen Sie hin, schöne Frau? Steigen Sie ein, wir fahren Sie! Kaum sind wir losgefahren, beginnt die Frau ihre Geschichte zu erzählen: Drei Kinder, zwei Ehen, ein Mann, erschossen, der andere weg und nun, nach einer Liaison mit einem Arbeitskollegen in grossen Schwierigkeiten, versetzt und diskriminiert, die Kinder seit Tagen nicht mehr gesehen. Als wir sie ausladen, sind die Adressen getauscht und Nesli sagt: Siehst du, so findet man neue Geschichten!

Mittag ist vorbei, wir fahren immer noch, fotografieren aus dem Autor raus, steigen aus, wenn’s nötig ist, fragen uns gegenseitig aus über, lachen, haben Hunger und holen uns an einem Stand Cola und Bananenchips, que alegre!

Kurz vor zwei sind wir zurück auf der Redaktion, dann wird die Stimmung für kurze Zeit ganz Ernst, denn um drei müssen die Artikel geschrieben sein.

 

11. Oktober

Ich arbeite nun also auf der Kulturredaktion, wie es scheint. Ich soll einen Artikel schreiben zur Veranstaltung der Asociación Literaria de Honduras, die wir am Dienstag fuer ein Foto und ein paar Händedrücke besucht haben.
Hab zwar nullkommakeine Ahnung vom Thema, auch keine Notizen. Nadann, vamos.
Frage mich rum auf der Redaktion, um die Asosiacion und die drei Leute, die geehrt wurden, einordnen zu könne. Niemand scheint die Asosiacion, einige den Schriftsteller Eduardo Baehr und wenige die Schriftstellerin Castañada zu kennen. Dem Internet geht’s nicht viel besser und so schreibe ich mehr schlecht als recht und ganz kurz über einen Anlass, an dem ich gar nicht wirklich war.

12. Oktober

Literaturnobelpreis für Doris Lessing. Die Meldung erscheint, elf Zeilen lang, auf Seite 46. Dafür ist für die Sonntagsausgabe eine Doppelseite über Ernest Hemingway geplant. Ich soll den Text über das Haus, in dem er zuletzt gelebt hat, kürzen, Titel, Legenden und eine kurze Biografie schreiben. Am Abend weiss ich immer noch nicht, warum das Thema relevant sein soll. Für Diskussionen bleibt aber keine Zeit, der Text muss in Druck und ich zu einer Literaturveranstaltung. Diesmal tagt die Sociedad Literaria de Honduras. Weil wir zu spaet sind, hat die Veranstaltung schon begonnen und wir bleiben, bis der Vorstand auf die neue Amtszeit geschworen hat.

13. Oktober

Noch nie war ich an einem neuen Arbeitsplatz so schnell so gut eingerichtet.
Computer, Passwörter, E-Mailadresse, Fotoarchiv und drei Einführungen in das Layoutprogramm. Ständig kommt jemand vorbei, schüttelt mir die Hand, fragt, wie es laufe und por favor, für jedwelche Probleme, steh ich dir jederzeit zur Verfügung! Gegen Abend muss ich dann noch den Arbeitsplatz wechseln - mein Computer wurde als zu langsam befunden. So arbeite ich nun, in einem der ärmsten Länder Lateinamerikas mit dem schnellsten Computer meines Lebens, ¡que raro!

14. Oktober

Die Redaktion: Ein grosses Raum, alle sitzen an ihren kleinen Schreibtischen, auf denen ausser Computern, Handtaschen, Schreibzeug und Mobiltelefonen nicht viel steht. Fällt was zu Boden, wird geklatscht. Auch, wenn jemand aus den Ferien zurück kommt oder einfach so. Der Lärmpegel ist hoch, nicht nur von den Fernsehern, die von der Decke hängen, sondern auch, weil ständig und überall geredet, diskutiert, geplaudert wird.
Die Leute und Themen meiner ersten Woche:

Alex: Gibt es hier eigentlich auch Sitzungen?
Nusli: Wie lebt es sich in einer Grossfamilien? (Wir kommen beide aus einer, sie hat 22, ich habe 3 Geschwister)
Miriam: Kommst es vor, dass hier eine Zeitung erscheint, auf der keine Leiche auf der Titelseite gezeigt wird?
Eliane: Wollen wir Mittagessen?
Augustin: Warum opponiert El Heraldo so offensiv gegen den Präsidenten?
Lektor: Wie wichtig ist Literatur in Honduras? Und was kostet ein Buch?
Ronny: Warum heisst Schweiz (suiza) fast wie Schweden (svezia)?
Katja: Hast du Zeit für einen Ausflug ins Valle de Angele?
Claudia: Wie wird man Journalistin?
Portier: Wie schreibt man Jäggi?
Roque: Soll ich das als kleine Rache an der Dominanz der Amerikaner verstehen, dass es hier eine Seise gibt, die Gringa heisst?
Alex ll: Wie kommt man ohne Akkreditierung in den Todestrakt eines texanischen Gefängnisses?
Ronny: Wer ist Präsident "Mel" Zelaya und was macht er mit Daniel Ortega, dem sandinistischen Präsident von Nicaragua, in der Kirche?
Jimmy: Was bedeuten eigentlich diese gelben, doppelt geführten, durchgezogenen Linien auf der Strasse, über die du ständig fährst?
Sport: Ist man für GC oder für FCZ, wenn man in Zürich lebt? Und warum?

15. Oktober

Mir Ronny, Jimmy dem Fahrer und Alex dem Fotografen für zwei Tage in das Departement Lempira, an der guatemaltekischen Grenze. Wir recherchieren für die Beilage "Mi País". Das Ziel der Beilage: dem Volk das eigene Land näher bringen und den Patriotismus foerdern. Sieben Stunden dauert die Fahrt, akustisch werden wir von der romantischen CD-Sammlung von Alex begleitet, mit uns auf der Panamericana sind riesige Sattelschlepper, am Strassenrand schwerbeladene Esel, Velofahrer, Imbissbuden und ab und zu auch Souvenirstände

.

Unterwegs gibt es Bohnen, Tortilla, frittierte Bananen und Fleisch (Frühstück) und später Bohnen, Tortilla, frittierte Bananen und Fleisch (Mittagessen).
Abends, als wir mit vollen Notizbüchern und müden Beinen vom vielen Sitzen im Auto im Hotel sitzen, beschert uns ein Stromausfall ein Candle-light-dinner: Bohnen, Tortilla, frittierte Bananen und Fleisch.

16. Oktober

Unterwegs zur ältesten Kirche des Landes in San Manuel de Colohete, zwei holprige Fahrstunden von Gracias entfernt in den Bergen. Bei einem Halt treffen wir Leonel. Sprechen mit ihm, mit seiner Mutter, Luzia Lopez, die den drei Monaten alten Josetito auf dem Arm trägt, fragen, ob wir ihr Haus ansehen dürfen. Machen Fotos von einer Küche, die identisch ist mit jener, die wir gestern im Museum gesehen haben: Eine Feuerstelle aus Lehm, ein Topf gefüllt mit Mais, fertig. Kein Tisch, kein Stuhl, kein Boden, kein Gar nichts. Machen Fotos vom Schlafzimmer, einer zweiten Hütte mit vier Pritschen und ein paar Kleidungsstücken, die über einem Holzstecken hängen.
An der Tür Bilder von europäischen Königshäusern. Das Gespräch mit Luzia gerät immer wieder ins Stocken, wir sind alle ein wenig beschämt, wie wir uns später gestehen, wie wir hier, mehr ungefragt denn nicht, ihr Haus betreten, das keines ist. Und fotografieren mit Kameras, von denen das kleinste Objektiv mehr Wert hat als der gesamte Hausrat.

 

 

18. Oktober

Nach einigem hin und hier und etwas komplizierten kommunikativen Verhandlungen, die über eine Arbeitskollegin laufen, ist es soweit: Ich ziehe in die WG eines Arbeitskollegen. Heute müsse es sei, auch wenn mein Hotel bis Freitag gebucht ist. Das Auto sei bereit, ebenso drei Leute, die mir beim Umzug helfen würden. Der Hinweis, dass ich nur ein Gepäckstück habe, wird ebenso negiert wie der Vorschlag, am Freitag per Taxi umzuziehen.

Also fahren wir zu viert und im Auto in mein Hotel, ich packe, eine Angestellte bügelt raschrasch meine Wäsche und mein Hilfstrupp ist geduldig, wie immer wenn es zu warten gibt. Kurze Fahrt ins neue Quartier, das Haus liegt am Hügel, die Aussicht auf Tegucigalpa ist berauschend schön, vor allem nachts und morgens um sechs, wenn wir aufstehen, die Luft noch klar und der Himmel blau ist und José für alle Kaffee gekocht hat. Meine neuen Mitbewohner und ein Arbeitskollege erwarten uns im Wohnzimmer. Und sitzen in einer siebenplätzigen, nigelnagelneuen Polstergruppe, die bei meiner Besichtigung noch nicht da war. Ob sich darum mein Einzug verzögert und ich in ein neues Hotel umziehen musste?

Nach einem Abendessen führt mich kein Bewohner, sondern eine der Begleiterinnen in mein neues Zuhause ein, erklärt, wie die Dusche funktioniert, wo das Essen hingehört und wo die Waschmaschine steht. Der krönende Abschluss dann, mein Einzug. Mit geschlossenen Augen muss ich das Zimmer betreten und - un, dos, tres - Augen auf! Das Zimmer sieht genau so aus, wie bei der Besichtigung: sechs Quadratmeter gross, ein Bett, ein Schrank, nada más. Die Erwartung nach ein paar staunenden Ohs und Ahs liegt aber so offensichtlich in der Luft, dass ich ein paar Juchzger von mir gebe, so gut ich kann. Meine Freunde sind zufrieden, jubeln mit und wünschen dann gute Nacht.

19. Oktober

Am Radio wird gemeldet, dass gestern der landesweit bekannte Komiker und Journalist Carlos Salgado ermordet worden ist. Salgado, der in seiner Radiosendung immer wieder die "classe politique", die weit verbreitete Korruption in der Verwaltung und die Regierung von Präsident "Mel" Zelaya kritisiert hat, wurde nach Feierabend vor dem Radiogebäude von Unbekannten erschossen. Die Kommentare sind eindeutig, der Mord wird als Anschlag auf den regierungskritischen Journalismus in Honduras gewertet. Viele sehen einen Zusammenhang zur heftig geführten Debatte der letzten Tage, in welche die eingeschränkte Medienfreiheit das dominierende Thema ist. Präsident Zelaya hat sich in der Vergangenheit mehrfach über die "feindliche Haltung" der oppositionellen Medien beklagt und verfolgt nun - so die Vorwürfe - konkrete Pläne, um die kritischen Journalisten und deren Medien einzuschränken.

Was mich am meisten erstaunt: Wirklich erstaunt, wirklich entsetzt, dass ein Journalist ermordet worden ist, scheint niemand zu sein.

20. Oktober

Besuch einer Siedlung in El Triunfo, nahe der nicaraguanischen Grenze. Die Colonia Araujo wurde nach dem Wirbelsturm Mitch von einer Selbsthilfeorganisation initiiert und mit Hilfe von verschiedenen NGOs, darunter auch von Heks, realisiert. Das Projekt gilt als "gelungenen", der Besuch vor Ort lässt erahnen, wie schwierig Entwicklungsprojekte sind, die nicht bloss Häuser bauen, sondern gemeinsam mit der Bevölkerung eine Dorfstruktur entwickeln wollen.

22. Oktober

Ich weiss nicht warum und wieso, aber es vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht ein Geschenk bekomme.

  • 3 Paar Ohrringe, handgefertigt, aus Bohnen.
  • 1 Banane, mit dem Verweis, dass sie süsser sei, als alles, was ich kenne. (stimmt)
  • 1 Armband, handgefertigt, bestehend aus glitzrigen Kugeln und Bohnen.
  • 1 Tasche, handgefertigt, rot mit aufgestickter Palme, überreicht am Tag, nachdem ich versehentlich einen mir unbekannten Baum als Palme bezeichnet habe, mit dem Hinweis, dass ich nun nie mehr vergesse, wie eine Palme aussehe.
  • 1 Handvoll Früchte, sauer und hart, beschliesse nach ein paar Bissen, mir den Namen nicht zu merken
  • 1 Tüte Yucachips überreicht mit dem Hinweis, dass man das in der Schweiz sicher nicht kenne. (genau)
  • 1 Tüte Bananenchips, "die besten, die es gibt!"
  • 1 Huacatamal, eine aus Maismehl angefertigte und in Bananeblatt eingewickelte süsse, Speise, die mir von einem WG-Kollegen weggegessen wurde.
  • 1 T-Shirt, rückenbeschriftet mit den Worten "Prensa - El Heraldo", überreicht mit dem Wunsch, dass ich die Zeitung, bei der ich arbeite, nie vergessen möge. (zweifle nicht daran)
  • 1 Stofftasche, "El Heraldo"

Ausserdem: Immer wieder Bier, Kaffee, Tortilla, Taxi- und Busfahrten, Mittagessen und Sonntagsfahrten

23. Oktober

Rosario, meine erste Zimmervermieterin in La Ceiba, hatte recht: Zeitungsleute kleiden sich edel. Alex, Leiter des Stadtressorts, klärt mich auf: Je älter die Woche, desto lockerer der Umgang mit der Garderobe. Am wichtigsten sei der Montag, da sei die Woche neu, alles fange an und da komme er richtig herausgeputzt, mit Hemd, Buntfalte, Lederschuhen. So ab Donnerstag liege ein T-Shirt drin, am Freitag dürfens auch mal Shorts sein, weil Freitag ist Wochenende. Meine Kolleginnen so scheint’s, kennen kein Wochenende, was die Kleidung betrifft. Tagein tagaus sind sie herausgeputzt mit Deux-Pieces, Anzügen, glitzernde Blusen, Rueschenroecken, grosser Schminke und alle - auch die Putzfrauen - mit hohen Absätzen. Eine jede würde es problemlos ins Opernhaus schaffen.

Dass ich völlig underdressed bin mit Jeans, Bluse und flachen Absätzen war gleich am ersten Tag klar. Irgendwann fragt eine Kollegin, wie ich es eigentlich mit Stöckelschuhen habe, ob ich keine solchen trage. Ich verweise auf mein Rucksack, mein einziges Gepäckstück, was wiederum für Staunen sorgt. Heute nun, als ich erstmals meinen einzigen Jupes trage, werde ich mit Komplimenten geradezu überhäuft. Wie schön der sei, wie gut der mir stehe, wie gross, schön, schlank er mich mache. Ich glaub, ich kauf mir gleich noch einen solchen.

 

 

24. Oktober

Schreibe die Geschichte über das Heks-Projekt in El Triunfo fertig, sie soll am Sonntag erscheinen. Ich versuche möchte zeigen, inwiefern sich die Dorfsiedlung von einem herkömmlichen Entwicklungsprojekt unterscheidet und fokussiere auf die Initiative der Bevölkerung, die am Anfang des Projektes stand. Knifflig ist die Auswahl der Bilder, meine Chefin möchte gerne zwei Häuser zeigen, einmal mit, einmal ohne Hilfe. Ich habe keine Lust, die Geschichte schwarzweiss zu schreiben, im Stil von: Seht her, eine Familie, die Kinder barfuss und traurig, sie haben keine Hilfe erhalten. Und hier, seht her, eine Familie, die Kinder im Röckli und fröhlich hüpfend vor ihrem neuen Haus. Überdies habe ich zwar Bilder, auf denen Kinder barfuss gehen, aber keine, auf denen sie traurig in die Kamera blicken wie es sich fuer richtige, herzerweichende Drittweltkinderportraits gehört. Das Problem: Es war einfach immer lustig, als die Bilder entstanden. Ich, die gringa mit holprigem Spanisch und Fotoapparat, im Schlepptau vier Leute: einen Heks-Koordinator und drei Frauen aus El Triunfo, die ständig gewitzelt und gelacht haben.

25. Oktober

Das Thema, das ich gestern gefasst habe, ein Vergleich zwischen zwei Internet-Enzyklopädien, fällt ins Wasser, weil eine der Seiten nichts taugt und die andere Wikipedia heisst und nicht vorgestellt werden muss.

Ich schlage vor, mich mit dem Thema Migration zu befassen, etwas über die zigtausend Honduraner zu schreiben, die sich illegal in den USA aufhalten und von dort aus ihre Familien daheim finanzieren. Jahre-, oft jahrzehntelang. Immer öfter endet der amerikanische Traum mit dem Auffliegen der Illegalität und der Ausschaffung nach Honduras. Die Zahl dieser Deportierten nahm offenbar in den letzten Jahren und Monaten ständig zu, es heisst, dass täglich zwei Flugzeuge mit Zwangsrepatriierten hier landen würden. Was tun die Leute, wenn sie unfreiwillig zurückkehren? Welche Perspektive haben sie? Wie geht die Regierung mit dem Thema um?

Die Idee stösst auf Echo. Aber Einlesen? Planen am Schreibtisch? Nicht nötig, befindet Mirjam, atemlos wie immer, du kannst gleich anfangen, wart, ich schau, wann das Flugzeug mit den Deportados landet, ein Chauffeur kann dich fahren. Keine fünf Minuten ist es her, dass ich das Thema erstmals angesprochen habe, da ruft sie mich schon, venga, sie landen gleich, ich hab‘s grad am Radio gehört, der Chauffeur ist schon draussen und nimm die Kamera mit, wir brauchen Bilder. Und deine Geschichte will ich auf zwei Seiten für nächsten Sonntag. Unmöglich, ihr Tempo zu drosseln. Ob sie mir sagen könne, wo das Flugzeug lande, ich habe gehört, dass die gar nicht auf dem Flughafen, sondern ausserhalb ankommen. Kein Problem, sagt sie, das findest du schon heraus, frag am Flughafen einen Polizisten, oder - besser noch - eine Putzfrau, die wissen immer alles!

Immer dieser Überfalljournalismus, grad wie in der Schweiz. Und schon stehe ich am Flughafen, haue den ersten Polizisten an und tatsaechlich, er kann helfen, freundlich wie immer, und sagt, dass das nächste Flugzeug in zwei Stunden ankomme. Huch! Ich setz mich in ein Kaffee und schnaufe durch.

Um zwei landet das Flugzeug, weiss und ohne Marke, 89 Männer und eine Frau steigen aus. Die Hälfte von ihnen hat die letzten Wochen oder Monate in Ausschaffungshaft verbracht. Der Anhänger mit dem Gepäck ist klein und nicht mal zur Hälfte gefüllt. Zwei Männer holen ihren Koffer ab, ein paar eine Sporttasche, viele eine Kartonschachtel oder einen Papiersack, manche nur einen Plastikbeutel mit ein paar Dingen drin und einem, Julio Cesar, ist nichts geblieben als ein ein Deodorant.

26. Oktober

Was ich noch nicht gefunden, nicht gesehen habe in Tegucigalpa, der Millionenstadt, die kleiner wirkt als sie ist, weil sie in eine sattgrüne Hügellandschaft eingebettet ist und man von keinem Ort die ganze Stadt überblicken kann.

Fussgängerstreifen
Männer mit Bart
Eine Strasse, wo man getrost spazieren kann
Eine verlässliche Auskunft über die Tempolimite auf den Strassen
Einen Park, in den man sich setzen kann
Kinderwagen
Touristen
Brot, das den Namen verdient
Eine Buchhandlung
Eine Taxifahrerin
Eine Schweizerin
Die Amerikanische Botschaft ohne Warteschlange
Den Präsidenten "Mel" Zelaya
David Suazo, den besten Fussballspieler des Landes (weilt bei Inter in Mailand)
Ein Kaffee, wo der Kaffee in Porzellan und nicht in Kunststoff serviert wird. Oder ueberhaupt ein Kaffee, wo der Kaffee serviert wird
Eine internationale Zeitung
Eine schöne Postkarte

 


28. Oktober

Die Rösti scheitert an der fehlenden Raffel, also versuch ich‘s mit Hackfleisch und Hörnli mit Apfelmuss, um meine Mitbewohner "a la suiza" zu bekochen. Dazu ein Stück Emmentaler, den einzigen Schweizer Käse, den ich in den Supermärkten finden kann. Schweinisch teuer zwar, ich werde mich hüten, ihnen vom Preis zu erzählen. Mit Hilfe von Jorge, einem Buben, der oft bei uns zu Besuch ist, koche ich das Mittagessen, das um 16 Uhr serviert werden soll.

Anders als üblich, isst nicht jeder alleine und irgendwo in der Wohnung, sitzend, stehend oder sich auf dem neuen Sofa fläzend, sondern alle vereinen sich gleichzeitig am Tisch und auf den die grünen Plastikstühlen. Als wir die Teller servieren, applaudieren alle herzlich, greifen zu und - schweigen. Mich dünkt es so still wie nie und ich frage mich, ob ihnen das Essen wohl so fremd vorkommen mag wie mir der hiesige Käse, der sehr beliebt, für mich aber so gut wie ungeniessbar ist.

29. Oktober
Gehe bei der UNO vorbei, bin auf der Suche nach dem Bericht zu Entwicklung von Honduras im Jahr 2006. Ich melde mich am Empfang und sage, was ich brauche.

- Kein Problem, meint der Herr, Sie brauchen bloss eine kleine Notiz zu schreiben, dann bekommen Sie den Bericht.

- Was muss da drauf stehen, auf dieser Notiz?

- Eigentlich nichts, bloss, dass sie diesen Bericht haben möchten. Machen Sie sich ja keinen Aufwand, das ist eine reine Formalität. Und richten Sie die Anfrage an diese Adresse und kommen Sie damit bei mir vorbei. (Auf einem winzigen Zettel notiert er eine Adresse)

- Kann ich die Anfrage auch per E-Mail machen?

- Nein, das geht leider nicht. Wir brauchen sie in Papierform.

- Und wenn Sie die E-Mail ausdrucken?

- Nein, das geht leider nicht.

Fahre zurück auf die Redaktion, schreibe die Anfrage und will sie ausdrucken. Aber hoppla - mein Drucker ist gesperrt. Ich erfahre, dass nur die Chefs Zugang zum Drucker haben, dass ich dort fragen müsse, wenn ich was ausdrucken wolle. Also geh ich zu Miriam und bitte Sie, mir den Brief auszudrucken.

- Wofür brauchst du diesen Bericht?

- Für die Geschichte über die Migranten, mir fehlen Zahlen.

- Ich glaub, ich hab den Bericht schon, warte mal. (Kramt in ihrer Schublade und händigt mir einen Bericht der UNO aus zum Thema Wasser aus) Hier, das ist das neuste, was wir von der UNO haben.

- Aha, interessant. Bloss fürchte ich, dass ich einen anderen Bericht suche, er handelt von der Entwicklung in Honduras.

- Einen solchen gibt es nicht, schau mal hier, was du findest, Honduras kommt da sicher auch vor.

- (Meine Nerven kommen ins Wanken, durchatmen) Aber ich hab den gestern gesehen, als ich das Büro des Kinderdorfes Pestalozzi besucht habe.

- Da verwechselst du wohl etwas. (Telefon klingelt, Miriam nimmt ab, ich gehe zurück an meinen Schreibtisch, warte und überlege, wie ich mich verhalten will. Arbeitskollege Ronnie kommt mir in den Sinn, der mich neulich wissen liess, dass sich die Lateinamerikaner von der direkten Art der Europäer manchmal vor den Kopf gestossen fühlen.)

Eine halbe Stunde später kommt Miriam, "hier, die Anfrage, ich habe sie grad ausgedruckt".

30. Oktober
Nochmal kurz bei der UNO, diesmal mit der schriftlich formulierten, ausgedruckten Anfrage, fünf Minuten später hab ich den Bericht im Austausch gegen meine Anfrage in den Händen.

Auf der Redaktion hat sich rumgesprochen, dass ich für meine Mitbewohner gekocht habe. Es habe extrem gut geschmeckt, vernehme ich über drei Ecken, und mein Mitbewohner Roque habe sogar die Resten mit zur Arbeit genommen habe.

31. Oktober
Wieder auf Infosuche. Für einen Bericht über das Radio-Fernunterrichtsprogramm "Maestros en Casa" suche ich Zahlen zur Bildungssituation. Eine Kollegin hat einen Kollegen beim Statistischen Amt. Sie will mich dorthin begleiten, was unverzichtbar ist, denn alleine würde ich das Büro kaum finden. Es gibt keinen richtigen Stadtplan für Tegucigalpa, ausserdem wechselt eine Strasse am Ende des Quartiers plötzlich ihren Namen und die Hausnummerierung folgt keiner durchschaubaren Logik. Miriana kennt sich aus, wir treffen uns am Zentralplatz, steigen in eines der Sammeltaxis, das einer festen Route folgt, fahren durch die halbe Stadt, stellen uns an einer für mich unsichtbaren Haltstelle in die Warteschlange, um in einem anderes Sammeltaxi einen grossen Bürokomplex zu erreichen.

Mariana muss zwei, drei Mal fragen, dann stehen wir im Büro, wo wir haufenweise Broschüren und Berichte zu allen möglichen Themen erhalten. Wir sollten bitte alles vor Ort benutzen oder aber die Berichte kaufen, 100 Lempiras das Stück, ziemlich teuer, wie mir scheint. Das Inhaltsverzeichnis sieht vielversprechend aus, doch - Mist - die entsprechenden Seiten fehlen. Wohl herausgerupft von einem Journi, dem das Geld fehlte, denke ich und bitte um eine anderes Exemplar. Ich äussere meine Kaufabsicht und sage den beiden Herren, die uns betreuen, dass ich die Informationen für einen Zeitungsbericht brauchen, welchen Preis ich bezahlen müsse. "Denselben", sagt der eine Herr, "un momentito" der andere. Er verschwindet für ein paar Minuten und überreicht mir dann mit einem strahlenden "this is a gift for you" ein Exemplar.

1. November
Wie jeden Morgen halte ich ein Taxi an, verhandle den Preis und staune nicht schlecht, als mich der Fahrer erkennt und sagt, dass ich doch neulich schon mit ihm gefahren sei. Stimmt. Er erinnert sich noch an den Preis. Wie immer, reden wir über dies und das, hören schnulzige Lieder am Radio und staunen über den Zufall, zweimal dasselbe Fahrzeug zu erwischen in einer Stadt mit 7000 Taxis. Dann wechselt er das Thema, erzählt von seiner Familie, unterbricht sich selber und sagt "oh, entschuldigen Sie, das habe ich ja letztes Mal schon erzählt". Ich bin beeindruckt.

2. November
Neues Kapitel in der Diskussion um die Medienfreiheit in Honduras. Der Direktor der Radiostation "Radio Cadena Voz" verlässt mit seiner Familie das Land, nachdem er Morddrohungen erhalten hat. Die Drohungen seien ernst, heisst es, die Polizei habe dem Journalisten die Ausreise empfohlen. Der Mord am Journalisten und Komiker Carlos Salgado, der beim selben Radiosender gearbeitet hat und Mitte Oktober erschossen wurde, ist weiterhin unaufgeklärt.

Wie immer landet das Thema bei den regierungskritischen Blatter "El Heraldo" und "La Prensa" auf den Titelseiten und gibt viel Stoff für Kommentar und Kritik an der Regierung Zelayas, die unfähig sei, die Presse vor Angriffen zu schützen. Andere Stimmen behaupten, es stimme gar nicht, dass der Radiodirektor bedroht sei, vielmehr sei dessen Gang ins Exil Teil der Medienkampagne, welche einige Blätter gegen die Regierung führe.

Wie immer mimt "El Heraldo" die unabhängige, kritische Zeitung. Dabei ist das Blatt genauso wenig unabhängig wie die anderen Medienorgane, die allesamt im Besitz von mächtigen Unternehmern und Politikern sind. Diese oligopolartige Besitzstruktur führt dazu, dass sich die Medien einer Selbstzensur unterwerfen. Diverse Themen, zum Beispiel die Steuerbefreiung von Fastfood-Ketten, werden nie aufgegriffen, weil sie zum Imperium des Zeitungsbesitzers gehören. Jeder Journalist weiss, er würde noch heute auf der Strasse stehen, würde er auch nur vorschlagen, das Thema aufzugreifen. 

So verwendet die Zeitung viel Zeit darauf, die Regierung zu kritisieren, kaum ein Thema, das am Ende nicht darin gipfelt, den Präsidenten für den Missstand verantwortlich zu machen. Der eigentliche Grund für die Kritik am Präsidenten, die Tag für Tag wie ein Mantra die Zeitungsspalten füllt, habe aber gar nicht so viel mit der Politik Zelayas zu tun, lässt mich ein Kollege wissen. Vielmehr sei es dem Besitzer von "El Heraldo" nicht gelungen, nach der Regierungsbildung mit dem Präsidenten ins Geschäft zu kommen. Nicht ins Geschäft kommen, heisse einerseits, dass die Firmen des Besitzers kaum Aufträge von der Regierung erhalten haben. Es hiesse auch, dass die Journalisten von "El Heraldo" unter der jetzigen Regierung nicht zum Kreis von Journalisten gehörten, die für eine freundliche Berichterstattung mit Checks belohnt werden.

3. November
Moderner Tanz im Museum "museum para la identidad nacional", dem ersten restaurierten, kolonialen Gebäude, das ich in Tegucigalpa sehe. Die Französische Botschaft hat eingeladen, eine Tänzerin und ein Tänzer zeigen "pluma de plomo", Blei-Feder. Wie wunderbar, etwas so modernes, so abstraktes zu sehen. Zu wissen, dass es moderne Kunst gibt in dieser Stadt, strotzend vor Fast-Food-Ketten und Shoppingmalls, strotzend vor schreiender Armut, dekadent zur Schau gestelltem Reichtum und einer täglichen Gewalt, welche viele dazu bringt, sich eine nächtliche Ausgangssperre aufzuerlegen.

4. November
Einladung zum Mittagessen bei den Verwandten, die oft bei uns zu Besuch sind. Wir fahren mit dem Auto hin, ein paar Quartiere nur, ein Schotterweg führt zum Haus. Das Wohnzimmer: ein winziger Raum, zwei verbeulte Sofas, ein Fernseher, ein kleiner Tisch mit Computer, ein kleines Gestell, an der Wand Bilder mit alten Fotografien von Tegucigalpa. Das Schlafzimmer: zwei Betten für vier Personen und ein zweiter Fernseher. Die Küche: ein grüne Bretterwand mit Dach, ein Rechaud, ein Tisch mit einer grossen Wasserflasche, etwas Plastikgeschirr in einem schiefen Regal. Das Wenige ist ordentlich gerichtet. Im Garten, einem braunen holprigen Irgendwas, gackern zwei alte Hühner, kräht ab und zu ein stolzer Hahn, stehen ein paar Stauden und Bananenbäume, die noch nie Früchte getragen haben.

Als wir ankommen, haben die meisten Gäste schon gegessen. Weil kein Platz im Wohnzimmer ist, setzen wir uns neben der Küche auf die einzigen drei Stühle des Hauses. Einen Esstisch gibt es nicht, das Essen, wird auf einem Tablett gereicht. "Grad wie im Flugzeug", lachen wir, obwohl ich die einzige bin, die schon je in einem Flugzeug sass, und essen die Suppe, in der Yuka, Kochbananen, Kartoffeln, Kürbis und ein Krebs baden. Sie schmeckt wunderbar.

 

6. November
Die Zeichen stehen auf Winter. Kühle Winde wehen vom Golf von Mexiko her, es ist bloss noch zwischen 16 und 22 Grad warm und meine Freunde sind in Aufruhr. Das Wetter, die grässliche Kälte, ist Thema Nummer eins, "qué frío" der meistgehörte Ausruf. Nusli häkelt eine Mütze, Jose strickt einen orangen Schal, in der Zeitung stehen Tipps, wie man die nächste Kaltfront unbeschadet übersteht. Auf der Strasse springen Kinder mit kurzen Hosen und Mützen rum, man kombiniert Schal zu Sandaletten und Handschuhe zu aermellosen Shirts.

7. November
Einschreibetag für die Radio-Fernkurse "Maestros en Casa", einem Projekt, das von der Schweizer Stiftung Kinderdorf Pestalozzi unterstützt wird. Zwischen Baustelle, Druckerei und Schulzimmer wimmelt es von Leuten, welche zu Hause lernen wollen und müssen. Entweder sind sie zu alt, um eine reguläre Klasse zu besuchen, sie müssen arbeiten wie Delmer oder auf kleine Geschwister aufpassen, während die Mutter arbeitet. Andere stammen aus Gegenden, wo es keine Schulen gibt oder sind - wie die Claudia - von der Schule geflogen, weil sie schwanger sind.

Das Projekt wurde vor bald 20 Jahren entwickelt, um die Alphabetisierung von Erwachsenen zu fördern, und entlegene Gebiete via Radio zu erreichen. Heute kommt der Grossteil der gut 40 000 Schüler und Schülerinnen aus den Grossstädten San Pedro Sula und Tegucigalpa, auch darum, weil die öffentlichen Schulen heillos überfüllt sind und viele Jugendliche keinen Platz erhalten.

 

8. November
Was ich gelernt habe: Alles gleich Erledigen am Ort des Geschehens, des Interviews, des Treffens. Keine Frage offen lassen, keine Zahl nicht erfragen. Denn jede Extrainformation, die ich von der Redaktion aus einzuholen versuche, ist schwer zu bekommen. Das Problem - das Telefon. Jedem Ressort steht eines zu, von dem aus wir Anrufe auf Festnetze machen können. Bloss. Oft funktioniert das Telefon nicht. Manchmal hilft rütteln und Kabelschütteln, manchmal auch nicht. Funktioniert das Telefon, dann stimmt entweder die Nummer, kommt keine Verbindung zustande oder aber eine so schlechte, dass man die Person am anderen Ende nicht versteht. Die Situation ist dann besonders peinlich, wenn das Gegenüber ausschweifend eine Frage beantwortet, ich selber aber kein Wort verstehe. Und manchmal, manchmal funktioniert das Telefon auch einwandfrei. Aber, sagt Miriam, am Telefon seien die Leute oft misstrauisch, würden nicht glauben, dass sie mit Journalisten reden und keine Auskunft geben wollen. Drum lieber, auch wenn’s viel Zeit braucht, die Leute gleich besuchen. Und so bleibt dann das Telefon, das wir uns zu fünft teilen, oft tagelang unangetastet.

9. November
Die Direktorin des Institutes für Radiobildung redet sich bei unserem Termin in Rage. Ein titanischer Kampf sei es, den sie seit bald 20 Jahre führe. Eine Million Erwachsene ohne Primarschulabschluss, die Leute das Denken nicht gewohnt, unfähig, rational zu handeln, kritisch zu denken, die Folgen ihres Tuns abzuschätzen, einen Fehler einmal und nicht dreimal zu machen. Der Staat sei weder willens noch fähig, das Problem anzupacken, nicht mal auf die Kirchen sei verlass und so würden die Menschen zu Spielbällen der Mächtigen, manipulierbar, arm und unfrei. "Ein gebildetes Volk ist ein freies Volk" wiederholt sie ihre Vision und das Programm von "Maestros en Casa" immer wieder.

Den Kopf und das Notizbuch, setze ich mich am Mittag erschöpft und ein wenig hoffnungslos in ein Gemeinschaftstaxi. Zu dritt quetschen wir uns auf den Rücksitz. "Where are you from?" fragt mein Sitznachbar, ein älterer Herr. "Aus der Schweiz", antworte ich, worauf er deutsch weiterredet. Im Laufe der Fahrt wird klar: Efraim mag seine Namensvetter Kishon und Lessing und spricht Spanisch, Englisch, Deutsch, Italienisch, Lateinisch, Portugiesisch und ist nun daran, Japanisch zu lernen. Und ja, er sei Honduraner. Und nein, er sei kein Professor, er habe nie an einer Uni studiert. Vielleicht stimmts, vielleicht ist er auch ein guter Bluffer. Sicher ist, sein Deutsch ist gut.

11. November
Sonntag ist Fussballtag. Mit Johnny und "dem Dicken" im Stadion. Olympia, die beliebteste Mannschaft von Tegucigalpa spielt gegen Marathon aus San Pedro Sula. Die beiden Staedte stehen in heftiger Konkurrenz, manche sagen, Tegucigalpa denkt, San Pedro Sula arbeitet. Obwohl die Partie ein Klassiker ist, ist das Stadio halb leer. Wohl war den Pedrosulanern der dreistündige Weg in die Hauptstadt zu weit, vielleicht zu teuer. Bloss die Sonnenseite des Stadions ist gerammelt voll mit dem Fanclub "Ultrafiel". Man rät mir ultimativ davon ab, auch nur in die Nähe der "Treuen" zu gehen, nicht mal die Spieler von Olympia würden sich nach einem Tor vor den eigenen Fans feiern lassen, sagt mir Johnny, die Fans seien einfach zu wild, zu grob, zu gefährlich. Aus der Distanz sind die Treuen einfach treu, schreien sich die Seelen aus der Brust, singen, singen, singen 90 Minuten lang, feuern ab und zu eine Rakete.

In der Pause wird es kurz etwas ruhiger, man erholt sich bei Bananenchips, frittierten Yuca oder einem Bier. Dann geht es weiter, German Meza, der Stadionsprecher von Olympia klärt mich weiter über die Treuen auf und über deren "barbarische" Liebe zum Fussball. Seit bald 15 Jahren sorgt er im Auftrag des Sponsors, der Bierbrauerei Salva Vida, "für eine heisse, aber nicht allzu heisse Stimmung". Das Spiel geht schliesslich unentschieden aus, Olympia zieht als viert platziertes Team in die Finalrunde ein. "Und dann, kannst sicher sein", sagt Meza, "wenn die Meisterschaft zu Ende geht und wir alle nur noch an Fussball denken, dann erhöhen sie den Benzinpreis".

12. November
Die Zeitungsartikel werden mit Autorenzeile und Autorenmail unterzeichnet. Marta Soto, die brasilianische Klosterfrau, die am Flughafen die unfreiwilligen Rückkehrer empfängt, schickt eine Mail, dankt für den Artikel, lobt den Text und - "falls wir uns nicht mehr sehen, liebe Freundin, überbringe dem Schweizer Volk unsere ewige Dankbarkeit und unsere allerbesten Grüsse". Gerne doch!

 

15. November
Einkäufe im Supermarkt, wie immer wird alles in tausend kleine, knistrige Plastiksäcke verpackt, die alle keinen Griff haben. Und so steh ich dann mit all dem Zeugs vor dem Laden, der "mas por menos" verspricht und warte, dass ein Taxi hält. Es wartet keins. Dafür ein grosser, schwarzer, teurer Wagen. Die Fahrerin, eine junge Frau mit viel Schmuck sagt Hallo und ob sie mich nach Hause fahren dürfe. Sie sei auch mal Ausländerin gewesen, an der Uni in Chile, und sie habe sich immer so gefreut, wenn Einheimische nett zu ihr gewesen seien.

16. November
Besuch eines Projektes von Swisscontact und der Deza im Departement Intibucá. ProEmpresa fördert Kleinunternehmen und unterstützt Gewerbe- und Tourismusvereine, etwa in der Ausbildung von Personal. Sanfter und naturnaher Tourismus heissen die Ziele, noch ist alles in gut gemeinten, aber holprigen Anfängen, die Kreditkarte wird im Hotel nicht akzeptiert, im Restaurant fragen uns fünf Personen sehr nett nach unserem Wunsch, bis mein Begleiter Joachim und ich einen Kaffee und einen Tee serviert bekommen.

Wir besuchen einen Kurs, an welchem Frauen in kunsthandwerkliche Techniken eingeführt werden. Einige sind Anfängerinnen, andere leben bereits davon, dass sie ihren Schmuck verkaufen. Am Abend dann Termin bei dem ehemaligen und dem aktuellen Präsidenten von Funide, des Gewerbevereins. Beide sind sie erfolgreiche Geschäftsleute und setzen sich mit Herzblut dafür ein, dass sich was tut in ihrer Gegend. Nehmen den Bau einer Kläranlage selber an die Hand, weil vom Stadtpräsidenten keine Hilfe zu erwarten ist und erzählen wortgewaltig und mit Inbrunst von ihrem Traum, einer Touristenstrasse, die vom Pazifik bis zum Atlantik reicht und Intibucá ein Zentrum ist.

17. November
Fragen, die mich lachen, grübeln, staunen machen:
- Wie ist Schnee?
- Bist du mit dem Bus oder mit dem Flugzeug angereist?
- Warum hat Hitler die Schweiz nicht angegriffen?
- Kann man im Flugzeug duschen?
- Gibt es bei euch auch . . . Ananas, Frijoles, frittierte Schweinsschwarte, Indianer, Käse, Kaffee, Chabis, Kirchen, korrupte Politiker, Kutteln, Meere, Papaja, Tomaten, Tortilla, Weihnachtsbäume?
- Wie ist das genau mit euren Banken?
- In Europa ist man liberal, was Sex betrifft, oder?
- Stimmt es, dass man in der Schweiz fuers Fernsehen bezahlt? Und was bekommt man dafür?
- Was ist Medienfreiheit?
- Magst du Dürrenmatt oder Frisch?
- Wann geht die Sonne unter in der Schweiz?
- Wie bekomme ich ein Visum für die Schweiz und wie Arbeit?
- Wie sagt man "Zürich"?
- Wie heisst eure Präsident?
- Welches sind die Vorteile der direkten Demokratie?
- Warum ist die Schweiz so reich?

18. November
Seit Tagen wird davon geredet zu Hause, nun ist es so weit. Wir schmücken den Weihnachtsbaum. Stundenlang, es will kein Ende nehmen. Einen Bausatz voll Tanne, ewig lange Lichterketten, Kugeln, Sternen, Bänder, Schmetterlinge und Plastikblumen. Und immer, wenn etwas oben am Giebel montiert werden soll, muss ich ran an den Baum, weil ich mit 1.65 m die Grösste bin.

 

 

19. November
Ich kann zwei "Educadores de Calle" bei ihrer Arbeit mit Strassenkindern begleiten. Bin beeindruckt von ihrer Arbeit, Fransisco Lenin, der seit über zehn Jahren auf der Strasse arbeitet, scheint beliebt zu sein en la calle, die Leute begrüssen ihn überschwänglich, einige werfen sich ihm um den Hals. Er ist freundlich und bestimmt, kennt viele beim Namen. Unterwegs bin ich - nicht zum ersten Mal - erstaunt, wie wenig mir der unsäglich starke Geruch und der Anblick dieser bis auf die Knochen verlumpten Gestalten anhaben kann. Viele sind distanzlos, kommen einem ständig viel zu nah, einige sind so verladen von den Lösungsmitteln, die sie schnüffeln, dass sie kaum sprechen können, ständig auf die Strasse torkeln und stets wie durch ein Wunder nicht unter die Lastwagen kommen, die vorbeidonnern. Die Leute kommen, gehen, ruhelos, verschwinden und kommen wieder mit etwas Geklautem, essen, lassen das Essen fallen und legen sich auf dem Trottoir gegenüber auf den Boden, dort wo schon vier Leute unter Lumpen und auf Karton liegen.

Victor, 17, stösst zur Gruppe. Auf der Strasse heisst er "Toto", sein Gesicht ist mit Leim verklebt, auch ein Teil der Haare, über dem Auge hat er eine Wunde. Ob das die Polizei gewesen sei, fragt ihn Fransisco. Offenbar gehört es zur repressiven Politik der Polizei, den Jungs und Mädchen das Leimschnüffeln auszutreiben, indem sie ihnen die Flaschen über dem Kopf ausleeren. Die Strassenarbeiter nehmen Victor mit zu Casa Alianza, um ihn zu versorgen. Victor lebt seit einem Jahr auf der Strasse, sass vorher drei Jahre im Kindergefängnis und ist Vater eines kleinen Kindes. Die Mutter? Auf der Strasse.
 
Wie wir zurück im Buero von Casa Alianza sind, überkommen mich, als Fransisco dem Strassenjungen Victor ein Glas Wasser anbietet, die Tränen. 
 
20. November
Reise nach El Progreso. Wie immer, wenn es weit geht, werde ich um fünf Uhr zu Hause abgeholt. Wir fahren Richtung Norden, mit jeder Stunde wird es wärmer, das tropische Klima spürbar. Um neun erwartet uns der Direktor von Radio Progreso, dem wohl einzigen unabhängigen Radiosender des Landes. Der Jesuite ist anfänglich sehr zurückhaltend und redet sich dann im Laufe des Interviews ins Feuer, berichtet von der bewegten Vergangenheit, der Schliessung des Senders, den Protesten und der Wiedereröffnung, die an Bedingungen geknüpft war. Etwa die, dass Radio Progreso als Kurzwellensender seither nur noch in einem Teil des Landes empfangen werden kann.

 
Die Gegenwart? Schwierig, sagt Pater "Melo". Mit den kritischen Berichten, etwa zu den Arbeitsbedingungen in den Kleiderfabriken, hat man sich Feinde gemacht. Ebenso, als der Sender neulich kritisierte, dass die staatlichen Hilfslieferungen, die nach dem Hurrikan Felix an die Bevölkerung verteilt wurden, mit dem Konterfei des Kongresspräsidenten Roberto Micheletti geschmückt waren. Vor ein paar Tagen hat sich Micheletti mit seitengrossen Inseraten revanchiert und Padre Melo heftig angegriffen.
 
Angst? Ja schon, sagt Melo, um das eigene Leben habe man immer Angst, um den Sender jedoch nicht.
Bin gespannt, wie das Thema auf der Redaktion ankommt, schliesslich stehen Micheletti und El Heraldo in ganz gutem Einvernehmen.
 
22. November
Besuch einer Selbsthilfegruppe für HIV-Postive Strassenkinder, organisiert vom Roten Kreuz. Sie gehören neben Sexarbeiterinnen, Häftlingen, Polizisten und Lastwagenchauffeuren zu den am meisten gefährdeten Gruppen. Aids ist ein drängendes Problem, wenn auch tabuisiert, Hondruas hat die höchste HIV-Rat in Zentralamerika.
 

Die Gruppe trifft sich jeden Freitagmorgen. Um elf treffen die ersten ein, um zwölf beginnt die Stunde, ein paar Spiele, eine kurze Diskussion und dann - ich hab mir eine Gruppe Jugendlicher laut, chaotisch, wild und provokant vorgestellt - schlafen Alle. "Das ist immer so", sagt Livina, die Leiterin. Irgendwann erwachen zwei, das Gespräch geht weiter, Rosa, ein 16jaehriges Mädchen, erzählt, wie einsam sie sich fühle, wie sehr von ihrer Familie ausgestossen, wie traurig das sei. Ein anderer Teilnehmer, Wender, schaut sie an mit verständnisvoll-väterlichem Blick und sagt: Rosa, dieses Problem, dass mich meinen Eltern zurückweisen, das habe ich nicht. Meine Mutter ist tot und mein Vater auch. So viel schwarzen Humor auf einmal - wer nicht schläft, muss lachen!
   
23. November
Meine Ohropax sind - sagen wir - verbraucht. Rasch vor der Arbeit in der Apotheke vorbei, Neue kaufen. Gibt nicht, sagt die Verkäuferin. Auch in der zweiten, dritten und vierten Apotheke erhalte ich dieselbe Information: Ohrstöpsel gibt es nicht, werden nicht verlangt, man habe sich an den Lärm gewöhnt. Immerhin gibt mir jemand den Tipp, es in einem Geschäft namens Equipo Medico zu versuchen.
 
Mit Hilfe eines Taxifahrers finde ich drei ehemalige und auch den aktuellen Standort von Equipo Medico, bekomme dort aber auch nicht, was ich suche, sondern den Tipp, ins Spital Vieira zu gehen. Dort, im dritter Stock praktiziere Doktor Castro, ein Spezialisiert für Hörgeräte. Und wer Geräte machen könne, die einem zu besserem Hören verhelfen würden, der sollte auch im Stande sein, einem zu schlechterem Hören zu verhelfen. Nun wird’s surreal, finde ich, und will aufgeben. Der Taxifahrer fragt, was ich denn eigentlich suche. Ohrstöpsel. Worauf er meint, Aha, da könne er mir helfen. Sein Sohn nämlich, habe in einer Pouletfabrik gearbeitet und dort einen Ohrenschutz benötigt, der ihm aber durch Diebstahl abhanden gekommen sei. Und - den Ersatz habe er in einer Eisenwarenhandlung gefunden. Und bald darauf, bei Larrach, dem König der vielen Eisenwarenhandlungen (im Besitz des El Heraldo-Besitzers übrigens), liegen drei Varianten zum Kauf bereit.
 
24. November
Wieder ein Journalist, der ins Exil geht, nachdem er im September ein Attentat überlebt hat und nun von neuem bedroht wird. 
Langsam verstehe ich, was mich hier manchmal auf die Palme bringt. Dass sich viele Journalisten gar nicht so sehr für ihren Beruf interessieren, ihre Arbeit als Job sehen, nicht auffallen, provozieren, anecken wollen, weder bei den Chefs noch bei den Leuten, über die sie schreiben. "Weisst du", hat mir neulich Leonel gesagt, "am besten ist man hier ein Chamäleon, wechselt die Farbe und schaut, dass man keinen Ärger kriegt."
 
 25. November
Meinen vier Verabredungen, die ich fürs Wochenende hatte - einmal Bar, einmal Tanzen, einmal Wandern, einmal eine Fahrt ans Meer - ist es ergangen, wie so vielen Verabredungen: Sie haben sich im Sand verlaufen. Sehe überhaupt nicht durch bei dieser wortlosen Absagepolitik, nerv mich manchmal zünftig und habe gelernt: Wenn ein Satz mit "fijase" - stell dir vor - beginnt, dann ist das, was folgt, meist eine Ausrede.
 
26. November
Die letzte Woche bei El Heraldo. Schreiben, schreiben, schreiben. Der Chefredaktor gibt das OK für die Reportage über Radio Progreso, allerdings mit Bedingungen. Kein Wort zum Konflikt mit Micheletti, der Fokus soll auf der Entwicklungsförderung des Radios liegen und nicht auf seiner politischen Kritik und - der Ausdruck "unabhängiges Radio" darf nicht fallen. Schliesslich stehe El Heraldo für den Kampf für eine unabhängige Presse. Das Schulterzucken und die Blicke, welche diese Anweisungen begleiten, sagen mir: Sorry, ich weiss, das ist ne lächerliche Farce, aber ich kann’s auch nicht ändern.

Mein Versuch, einen Artikel zum Konflikt in der Alliance Francaise zu schreiben, scheitert. Die neue Leiterin, welche die Institution in einem offenbar völlig unorganisierten Zustand übernommen hat und sich mit unzimperlichen Aufräummethoden unbeliebt macht, wurde in verschiedenen Medien heftig angegriffen, jeweils sehr einseitig, ohne Bezug zu Kontext und Vorgeschichte. Das Angebot eines Journalisten, gegen Bezahlung einen positiven Artikel über sie zu schreiben, hat sie ausgeschlagen. Mein Vorschlag, das Thema journalistisch anzugehen, zu recherchieren und vor allem beide Konfliktparteien zu befragen, kommt nicht an. El Heraldo sei nicht der richtige Ort, um das Thema auf diese Weise anzugehen. In der Redaktion würde es Leute geben, die als Eltern von Kindern, die an der Alliance studierten, selber in das Thema involviert seien und die kein Interesse an einem ausgewogenen Artikel hätten. 

 

27. November
Ich hab mich nichts durchsetzen können, darf keine Miete bezahlen für das Zimmer in der WG, wo ich im Laufe der Zeit an lustigen Tischrunden alle wichtigen honduranischen Spezialitäten aufgetischt bekommen habe und wo meine Teigwaren an Peperoni-Aubergine-Sauce zur „Schweizerspezialität“ Nummer eins erklärt wurden. Also schenke ich ihnen zum Abschied, wovon immer wieder die Rede ist, weil es im Haushalt fehlt: einen Kochherd mit Backofen.

Zusammen mit Roque bei Curacao, einem der beiden grossen Möbelgeschäfte am Zentralplatz merke ich rasch, dass der Kauf rasch erledigt sein wird: Zur Auswahl steht nämlich ein einziges Modell in den Ausführungen weiss, grau, hellbeige und beige. Die Wahl fällt auf Exemplar weiss.

Bald ist auch der Preis gesenkt, doch wir beschliessen, uns noch die Konkurrenz anzuschauen. Worauf der Verkäufer uns den Preis der Konkurrenz in Aussicht stellt, sofern ihm das Angebot schriftlich und mit Firmenstempel vorliegen würde. Und gerne würde er uns zum Kochherd auch noch ein Geschenk in Form eines Bügeleisens offerieren.

Bei der Konkurrenz ist die Auswahl an Elektrobacköfen dieselbe, die Farben auch, bloss dass er 200 Lempira billiger ist. Roque verhandelt, der Preis sinkt und bald liegt die Offerte schriftlich vor. Unsere Bank, die uns das Gerät finanzieren würde, habe ein solches Papier verlangt, sagt mein Kollege.
Zurück bei Curacao kaufen wir den Kochherd, schaffen es aber nicht, das Bügeleisen gegen ein Büchergestell auszutauschen.

28. November
Gleich wie auf Schweizer Redaktionen wird auch hier geklatscht und getratscht, man weiss, wo ich am morgen schwimmen geh, was ich am Wochenende gemacht und mit wem ich die Verwandten der Bekannten besucht habe. Meine sprachlichen Superpatzer machen ebenso die Runde wie mein baldiger Abschied von der Zeitung. Etwas führen die im Schilde, am Mittag ruft mich ein Fotograf zum Shooting, Miriam will wissen, wie man meinen Namen richtig schreibt, jemand braucht alle Artikel, die ich geschrieben habe und schon am Montag hat man mir gesagt, ich soll mir den Freitag Mittag frei halten. „Fijase“, denke ich, wird schon nicht klappen.

29. November
Das dritte Abschiedsessen der Woche, ich bin so gut wie permanent gerührt. Kann mir nicht vorstellen, dass ich vor zehn Monaten noch nicht wusste, wie die Hauptstadt von Honduras heisst.

30. November
Kurz vor Mittag fragt mich ein Kollege, ob ich eine Rede bereit habe. Eine Rede? Ja, für das Mittagessen heute, da wird der Chefredaktor bestimmt eine Rede halten und da müsst du was darauf sagen. Ich notiere ein paar Zeilen, bin aber noch nicht fertig, da sitzen wir schon im Auto, stecken im Stau und kommen eine halbe Stunde zu spät ins Hotel Mariott, wo die Zeitung ein Abschiedsessen für mich ausgibt. Ich fühle mich geehrt und bin etwas beschämt, denn, so erfahre ich auf der Hinfahrt, für „normale“ Redaktionsmitglieder würde nie ein Abschiedsessen gegeben. Zehn Journalistinnen, Journalisten und Fotografen, mit denen ich oft zusammengearbeitet habe, sind eingeladen und bevor das Buffet eröffnet wird, werde ich mit zwei Reden geehrt und mit Geschenken überhäuft: Ich bekomme ein „Diplom zur Anerkennung für exzellente Pflichterfüllung“.

Das Foto, für das ich Anfang Woche posieren musste, hat ein Künstler als Vorlage für eine Portraitzeichnung verwendet. Meine Artikelsammlung wird mir laminiert und gebunden überreicht, ebenso eine Tasche, gefüllt mit Werbeartikeln von El Heraldo. Und schliesslich eine Schmucktruhe mit Schnitzereien, damit ich meine schönsten Erinnerungen an Honduras für immer aufbewahren könne.

 

 
ENDE  
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