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Aus Nicaragua berichtet Sarah Fasolin
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Sarah Fasolin (26) arbeitet als freie Journalistin und war vorher Redaktorin bei
der Mittelland-Zeitung. Sie hat die Diplomausbildung des MAZ abgeschlossen. Von
September bis Dezember 2004 arbeitet sie für die Tageszeitung "La Prensa"
in Managua/Nicaragua.
3. September 2004
Mein erster Arbeitstag. Ich wurde kurzfristig in die Wirtschaftsabteilung versetzt,
obwohl ich eigentlich für den Inlandteil vorgesehen war. Ich versuche zu erklären,
dass Wirtschaft nicht unbedingt mein Spezialgebiet ist, habe ich doch als freischaffende
Journalistin auch in der Schweiz nie über wirtschaftliche Angelegenheiten berichtet.
Um die Zeit bis zum Eintreffend des Chefs zu überbrücken, begleite ich einen der
Journalisten ins Parlament. Er ist auf der Suche nach einem bestimmten Parlamentarier,
den wir jedoch nicht antreffen. Am Nachmittag erkläre ich dem Chefredaktor nochmals
meine Bedenken, im Wirtschaftsressort nicht sehr nützlich zu sein. Doch es bleibt
dabei. Zehn Minuten später fahre ich mit einem Wirtschaftsredaktor zu einem Interview
mit einem Ökonom, der ihm die aktuelle Situation der Wirtschaft Nicaraguas analysieren
soll. Abends fasse ich meinen ersten Auftrag: Ein Wirtschaftsthema suchen und eine
Analyse schreiben. Mit ratlosem Gesicht fahre ich heim.
4. September 2004
Noch habe ich mich nicht an die tropische Hitze in Managua gewöhnt. Entsprechend
erholsam war die Nacht. Ziel dieses Samstagseinsatzes ist, die Redaktionsabläufe
besser kennen zu lernen, damit ich am Montag einsatzfähig bin für “meine Geschichte”
(die ich noch nicht habe). Doch soweit kommt es nicht. Ich werde kurzum an eine
Promo-Veranstaltung der Tourismusvertretung aus der Region Rio San Juan geschickt.
Während zwei Tagen stellen in einem grossen Einkaufszentrum Künstler ihre Werke
aus und Hotelbesitzer verteilen Flyers. Ich mache Interviews mit den Veranstaltern
und den Künstlern und nehme sicherheitshalber alles auf Tonband auf. Zurück auf
der Redaktion heisst es: “Was gibt deine Geschichte her?” Es folgen weitere Recherchen
im nationalen Entwicklungsplan und beim Institut für die Entwicklung kleinerer und
mittlerer Unternehmen. Die Redaktorin am Arbeitsplatz nebenan liefert ein paar Zahlen,
die sie ihrerseits recherchiert hat. Abends steht der erste Artikel.
6. September
Ich hefte mich an die Fersen einer Journalistin. Programm: Interviews am Tourismus-Institut
(ein nicaraguanisches Ökotourismus-Projekt hat es in den Final eines internationalen
Tourismus-Wettbewerbes geschafft), danach ab zur Präsidentenwahl eines Wirtschaftsverbandes.
Mittagessen. Eigentlich hat sie bereits das Material für zwei Artikel, doch es geht
weiter zu den Strassenverkäufern, die in diesen Tagen Duzende Nicaragua-Flaggen
verkaufen (am 15. September ist Tag der Unabhängigkeit). Im orientalischen Markt
finden wir die türkischen Händler, die die Flaggen produzieren lassen. Um 16 Uhr
drängt die Journalistin zur Eile, weil sie um 17 Uhr ein brisantes Papier aus der
Firma «Parmalat» erwartet. Zurück auf der Redaktion stürzt sie sich in die Arbeit
und beginnt, sichtlich gestresst, ein Artikel nach dem anderen zu schreiben. Ich
helfe ihr mit der Tourismus-Geschichte und denke: Journalisten leben überall gleich.
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7. September
Mein Chef schickt mich mit zu einer Inspektion des Arbeitsministeriums. In der Textilindustrie
wird heute ein Unternehmen unter die Lupe genommen. Es handelt sich um eine koreanische
Nähfabrik, wie es sie dutzendfach in Zentralamerika gibt. Zusammen mit Inspektoren,
Gewerkschaftern und anderen Journalisten betreten wir die Produktionshalle. In drückender
Hitze aber dennoch horrendem Tempo werden Pyjamas genäht und Pullover verpackt.
Wir machen Interviews mit den Angestellten. Unter ihnen sind viele schwangere Frauen,
die zehn Stunden am Tag und sechs Tage die Woche stehend Stoffe zurecht legen. Mit
Argusaugen beobachten die Firmenchefs, wer von den Journalisten befragt wird. Ausser
dem Zitat “todo bien” (alles gut) ist denn auch nicht viel aus den Angestellten
herauszuholen. Zurück auf der Redaktion heisst es sogleich wieder: “Vamonos!” Ich
begleite einen Journalisten zu einem Interview mit einem Autoimporteur. In seinem
klimatisierten Büro erzählt er uns, wie gut der Automarkt laufe und dass nun vor
allem seine Jaguars und Volvos der Luxusklasse gefragt seien. “Die Leute mögen keine
Japaner mehr, es muss nun was anderes sein”, sagt er und schiebt uns glänzende Prospekte
über den Tisch zu. An meinem T-Shirt kleben noch die Stofffusel aus der Kleiderfabrik.
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8. September
Ich komme nicht um “meine Geschichte” herum: Es soll ein Artikel über
die Tourismusströme im Land geben. Woher kommen die Touris und was machen sie
am liebsten in Nicaragua? Ich erhalte eine Liste mit Nummern und mache mich wenig
später bereits auf die Socken zum ersten Interview. Resultat: Nicht sehr ergiebig.
Das Zweite: Ebenso wenig. Das Dritte: Nicht viel besser. Offensichtlich weiss niemand,
was die Touristen in Nicaragua eigentlich genau machen. Das ist zwar nicht viel
aber für eine Geschichte bereits Stoff genug. Bevor ich mit schreiben beginne,
möchte ich noch schnell ein Dokument ausdrucken und stelle fest, dass nur die
Chef-Computer mit dem Drucker verbunden sind. Das ist einer der sehr wenigen Unterschiede,
die die Redaktion der «Prensa» von Redaktionen der Schweiz unterscheidet.
Alle Journalisten verfügen über Computer mit Internetanschluss, Telefon
und Handy. Zwar – einen grossen Unterschied gibt’s noch: Wer irgendwo
hin muss, geht zu Doña Tomi und verlangt einen Fahrer, der einem dann überall
hinfährt und auch wieder abholt.
9. September
Die letzten Fakten für die Tourismus-Analyse liegen da und die erste Fassung
meines Artikels entsteht. Gegen Abend erreiche ich schliesslich den Verantwortlichen
des staatlichen Büros für Wettbewerbsfähigkeit – und nun wird
alles anders. Er habe Zahlen und Dokumente, ich solle morgen bei ihm im Büro
vorbeikommen. Heisse Luft oder hochbrisant? Ich bin gespannt.
Übrigens: Der Artikel über den Jaguar-Importeur wurde zur Lobeshymne.
Auf meine Frage, wieso er einen solchen Werbespot publiziere, antwortet der Journalist
lachend: «Das ist ein Venado.» Das heisst soviel wie «Auftrag
von oben, Artikel hat positiv zu sein.»
Und übrigens: Die Arbeiter in der Textilfabrik verdienen weniger als der staatlich
vorgeschriebene Mindestlohn. Etwa 100 Franken im Monat. Das ist soviel wie gar nichts.
10. September
Der Tourismus-Artikel ist fertig. Ich kann nur noch hoffen, dass sich keine Unachtsamkeit
eingeschlichen hat. Denn zwar unterscheidet sich die «Prensa» in Bezug
auf die Infrastruktur wenig von Schweizer Redaktionen, umso mehr jedoch im Umgang
mit Angestellten und deren Fehler. Laut den Journalisten hier gibt es für jeden
Fehler eine Arbeitssperre von drei Tagen (mit entsprechendem Lohnausfall) sowie
eine Busse von 100 Córdobas, ca. 9 Franken. Passiert vor einer Woche dem
Chef der Fotoabteilung, weil er morgens um sechs auf dem Natel nicht erreichbar
war. Nun haben alle Journalisten die Mitteilung erhalten, dass sie 365 Tage am Jahr
rund um die Uhr erreichbar sein müssen. Hinter vorgehaltener Hand haben sich
die Journis sehr geärgert, aber schliesslich alles geschluckt. Denn sie sind
in keiner Gewerkschaft, die ihnen den Rücken stärken könnte. Mitgliedschaft
bei Gewerkschaft bedeute fristlose Entlassung, habe ich erfahren. Dass es mit der
Kündigung manchmal nicht weit steht, hat vor ein paar Monaten ein ganzes Ressort
erlebt, als es sich in einem Brief an den Verleger über die Ressortleiterin
beklagte. Tags darauf standen alle auf der Strasse.
13. September
Besuch auf den Märkten, um Anstieg oder Fall der Lebensmittelpreise zu erfahren.
Das Pouletfleisch, die Eier und der Käse sind um einige Córdobas angestiegen
– entsprechend laut ist das Klagen der Marktfahrer. Die Tomate ist billiger
geworden, Reis, Zucker und Mais blieben gleich. Schwer zu sagen, wo die Gründe
liegen, weil jeder Verkäufer eine andere Erklärung hat.
Nachmittags um fünf fahren wir los zum Erziehungsministerium, das eine neue
Tradition einführen will: Dass das ganze Land an den Tagen vor den Unabhängigkeitsfeiern
(14. und 15. September) abends um sechs die Landeshymne singt. Der Erziehungsminister
singt, eine in Reih und Glied aufgestellte Gymnasiums-Klasse auch: «Salve
a ti Nicaragua en tu suelo…» Aber ganz Managua und der Rest von Nicaragua
ticken weiter wie eh und je. Der Erziehungsminister erklärt nachher den Journalisten
in ihre Mikrofons, dass er die kaum bekannte Hymne im Land bekannt machen und den
Nationalstolz der Nicaraguaner stärken will. Mit einem Nicaragua-Fähnlein
in der Hand fahre ich heim. Der Taxifahrer singt mir die Hymne auf mein Bitten hin
auch noch. Und ich singe ihm dafür die Schweizer Hymne.
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14. September
Tag der Schlacht von San Jacinto. Für das Wirtschaftsressort bedeutet dies Flaute,
während es im Inlandressort natürlich ab geht. Da es nichts zu tun gibt, kann ich
wieder nach Hause. Ich will aber viel lieber den Umzug der Gymnasien durch die Strassen
Managuas sehen und beschliesse, die Inlandjournis vor Ort aufzusuchen. Ein Fahrer
der «Prensa» bringt mich in die Nähe des Umzugs. Nun muss ich mich nur noch durch
die Menschenmenge zur Journalisten-Tribüne durchkämpfen. Bei der Polizeisperre merke
ich, dass ich weder einen «Prensa»-Ausweis noch eine Akkreditierung habe, die, wie
ich von weitem sehe, alle Journalisten um den Hals tragen. Ich zücke den «Prensa»-Schreibblock,
auf dem das Logo der «Prensa» gross abgedruckt ist und komme schliesslich überall
durch. Stehe wenig später schon dem Präsidenten Enrique Bolaños gegenüber, der den
Schülern freudig zuwinkt. Vom Erziehungsministerium wunderbar verköstigt schaue
ich den tanzenden und trommelnden Schülern zu, die bei Platzregen und Sonnenschein
tapfer vorbei ziehen. Fasziniert schaue ich mir den ganzen Anlass an und denke,
was so ein Logo doch alles für Türen öffnen kann…
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15. September
Frei. Ausflug nach Granada.
16. September
Ich soll mit zu einem Interview mit dem Chef von Bellsouth (einer der Telekommunikationsfirmen
in Nicaragua). Doch wie ich mich vorbereite, kommt ein anderer Auftrag: Beim Tourismusinstitut
vorbei gehen - es gebe Probleme wegen meinem Artikel. (Ich sehe mich schon drei
Tage lang und um 100 Cordobas leichter zu Hause meine Strafe absitzen). Bei Intur
erwarten mich vier Vertreter und begrüssen mich nicht eben herzlich. Düster die
Miene, als Sie mir mitteilen, dass sie mit dem Artikel ja knapp leben könnten, nicht
aber mit dem Titel (“Tourismus mit verwirrtem Kompass”) und dem Lead. Sie würden
in ein ganz schlechtes Licht gerückt, stünden da wie Deppen, die keine Ahnung vom
Buesiness hätten. Titel und Lead stammen nicht aus meiner Feder, aber das nützt
mir in diesem Moment herzlich wenig. Ich versuche zu beschwichtigen, lasse sie alles
über ihre Anstrengungen im Tourismus erzählen und überlege mir die ganze Zeit, wie
ich da wieder heraus komme. Nach einer Stunde stosse ich auf einen interessanten
Aspekt, mithilfe dessen sich die Sache abrunden lässt. Am Nachmittag gehe ich der
Sache nach und es entwickelt sich ein akzeptabler Follow-Up für den Samstag.
17. September
Ein Tag für die Delete-Taste. Für den Follow-Up brauche ich noch ein Interview
mit der Statistik-Frau der Zentralbank. Gestern schon hat man mich auf heute vertröstet
und heute ist es erst am Nachmittag um drei möglich. Pünktlich bin ich
da, selbstverständlich. Doch die Dame in Rosa empfängt mich mit den Worten,
dass zuerst eine Bewerbung (wörtlich) an die Presseabteilung gestellt werden
und dann der Chef dies autorisieren müsse - und dass wohl vor Montag nichts
zu machen sei. Super. Warum habe ich das nicht bereits am Telefon erfahren? Es ist
nichts zu machen, ich fahre zurück auf die Redaktion, ziemlich genervt. Tatsächlich
ein Tag für die Delete-Taste, wäre da nicht die Pressekonferenz in der
chilenischen Botschaft gewesen, an die ich am Morgen einen Journalisten begleitet
habe. Der chilenische Botschafter sowie ein Diplomat der ecuadorianischen Botschaft
orientierten, welche Firmen aus ihren Ländern an der Gewerbeausstellung von
nächster Woche präsent sein werden. Pressekonferenz? Nun weiss ich auch,
was die Journalisten hier unter Shampoo-Veranstaltung verstehen. Es wurde reichlich
Nestlé-Schokolade und Maggi-Gewürz verteilt – wozu wusste niemand
so genau – und natürlich durften auch Kommentare wie «schreiben
Sie aber einen guten Artikel» nicht fehlen.
18./19. September
Übers Wochenende fahre ich auf die Insel Ometepe zum Schweizer Forstingenieur
Kaspar Zürcher. Geplant ist ein Porträt für den «Schweizer
Bauer» über Zürchers Einsatz mit der Nichtregierungsorganisation
Interteam. Seit Anfang Jahr ist er mit seiner Familie in Nicaragua und stellt sein
Knowhow den Fincabesitzern auf der Insel zur Verfügung, um mit ihnen einen
Nutzungsplan ihres Waldes auszuarbeiten. Ich begleite ihn mit einem Bauern in den
Wald und notiere seine guten und schlechten Erfahrungen in der Entwicklungszusammenarbeit.
20. September
Die zentralamerikanischen Zeitungen hatten in den letzten zwei Tagen eine Skandalgeschichte
auf der Frontseite: Bruce Harris, der Leiter des Kinderhilfswerkes Casa Alianza
hatte einen Strassenjungen in Honduras für sexuelle Dienste bezahlt. Harris
gestand den Vorfall, wurde daraufhin vom Hauptsitz der Organisation entlassen und
angezeigt. Der Aufschrei ist umso lauter, als Harris als bekannte Persönlichkeit
seit 15 Jahren für die Rechte der Kinder und gegen die sexuelle Ausbeutung
gekämpft hat. Das Hilfswerk hat in verschiedenen Städten Lateinamerikas
Kinderhäuser, in dem missbrauchte und Drogen abhängige Kinder rehabilitiert
werden. Casa Alianza hat auch einen Sitz in der Schweiz. Ich bitte dort um eine
Stellungnahme und schreibe einen Artikel für den Tages-Anzeiger. Am Nachmittag
hole ich das am Freitag geplatzte Interview in der Zentralbank nach.
21. September
Kaum sitze ich vor meinem Computer, sticht mir ein ätzender Geruch in die Nase.
Irgendetwas mit der Kanalisation nicht stimmt wohl nicht oder die Toilette ist übergelaufen.
Beschliesse, mir nichts anmerken zu lassen, schliesslicht machen das die anderen
auch. Doch es wird immer unerträglicher und nun flüstere ich meinem Bürotischnachbarn
zu: «Riechst du das auch? Als hätte ein Hund irgendwo in der Redaktion
markiert…»” Er flüstert zurück: «Ja, ich rieche
es auch, sehr penetrant». Ein paar Minuten später stehe ich vor Doña
Tomi und bitte um einen Fahrer. Ich bin auf dem Weg an eine internationale Gewerbeausstellung
hier in Managua. Nun kann ich es mir nicht mehr verkneifen und frage: «Sag
mal, ist etwas mit der Toilette nicht in Ordnung?» Doña Tomi schaut
mich erstaunt an und versteht nicht. «Der Geruch!», sage ich. Nun bin
ich es, die nicht versteht, denn sie lacht lauthals und erklärt mir dann: «Es
riecht nach Chicharones! Wir essen hier Chicharones!»
Jemand hält
mir ein Stück hin und es gibt keine Zweifel mehr, was hier so stark riecht
(ich traue mich nicht, «stinken» zu schreiben). Chicharones sind frittierte
Schweineohren. «Möchtest du?» Bei aller Offenheit für fremde
Kulturen, das schaffe ich nun beim besten Willen nicht.
22. September
Heute (erst) ist der Follow-Up zur Tourismus-Geschichte erschienen. Leider ist dem
Produzenten in der Bildlegende ein Fehler passiert. Diesmal sollten sich die Auswirkungen
in Grenzen halten, es handelt sich um eine Verwechslung zweier Organisationen. Ich
schreibe den Artikel über die Gewerbemesse und treffe mich nachher mit Jürg
Benz, Leiter des DEZA-Koordinationsbüros hier in Managua. Der Hurrican Ivan
ist an Zentralamerika vorbeigezogen. es hätte auch anders kommen können.
Nun möchte ich herausfinden, was in diesen Ländern gemacht wird, um das
Ausmass eines solchen Ereignisses möglichst gering zu halten.
23. September
Es beschäftigt mich heute vor allem eine Frage: Weder vorgestern, noch gestern,
noch heute ist Haiti auf der Titelseite von «La Prensa». Mehr als 600
Tote im ärmsten Land Lateinamerikas (das zweitärmste ist Nicaragua), eine
Zerstörung von immensem Ausmass durch den Hurrikan «Jeanne» –
wieso ist das der «Prensa» auf der Titelseite keine Zeile wert? Ich
klopfe beim Chefredaktor an die Tür und bringe meine Kritik vor. Er sagt lange
nichts und ich befürchte schon, ich hätte irgend etwas Falsches gesagt.
Dann erklärt er, dass die Auslandthemen immer sehr wenig Priorität hätten
auf der Frontseite, dass man vielleicht manchmal zu sehr mit den nationalen Dingen
beschäftigt sei und dass man dies durchaus einmal genauer überdenken müsse.
Es entsteht ein kurzer, aber guter Meinungsaustausch über Gewichtung von Themen
auf der Fronseite. Ansonsten widme ich mich heute voll und ganz den Wasserpflanzen.
Gähn, habe ich zuerst gedacht, als mir das Thema zugeteilt wurde. Jetzt, abends,
finde ich, es gibt nichts Interessanteres als Wasserpflanzen! Morgen mehr dazu.
24. September
Ein erfolgreicher Tag mit den Wasserpflanzen. Ein Professor der Landwirtschafts-Universitaet
in Nicaragua möchte Einfluss, Schaden und Nutzen der Wasserpflanzen genauer
untersuchen. Gewisse Flüsse in Nicaragua können mit Flossen nicht mehr
befahren werden, weil sie von Wasserpflanzen vollständig überdeckt sind.
Auch ein Stauwehr klagt über die wuchernden Pflanzen, die die Stromproduktion
beeinträchtigen. An einer anderen Universität mache ich noch ein Interview
mit einem Biologen, recherchiere bei möglichen betroffenen Firmen und versuche
noch etwas mehr über das positive Potenzial dieser Pflanzen zu erfahren. In
Mexiko zum Beispiel gewinnt man Strom mit dem Biogas, das die “plantas acuáticas”
produzieren. Man füttert sie den Schweinen oder legt sie den Tomatenstöcke
als Dünger ins Beet. Schliesslich habe ich das Material für einen Hintergrundbericht
für die Seite “Campo y Agro” (Land und Landwirtschaft) zusammen.
Dabei kommt mir in den Sinn, wie eine Mitstudentin am MAZ einmal gesagt hat: “Journalismus
gefällt mir deshalb so sehr, weil man jeden Tag gratis etwas lernt”.
Recht hat sie.
27. September 2004
Auf einmal geht alles sehr schnell: Los, du musst an eine Veranstaltung, Einweihung
eines Schalters, frag den Direktor über die Situation der Steuereinnahmen.
Hä??? Ohne genau zu wissen, worum es überhaupt geht, bringt mich ein Fahrer
an die Veranstaltung. Komme mir vor wie eine Stagiaire am ersten Tag, dränge
mich im Journalistenpulk nach vorn und strecke mein Mikrofon hin. Zum Glück
erklärt der höchste Steuereintreiber Nicaraguas alles so schön ausführlich,
dass selbst die Chela, die Weisse im Pulk, die Zusammenhänge versteht und ein
paar Fragen stellen kann. Es kommt heraus, dass 50 % der Steuerzahler bis jetzt
noch nicht bezahlt haben. Sie haben noch genau bis am 30. September Zeit.
Übrigens: Folgen des Hurrikans “Jeanne” - 1000 Tote in Haiti und
es erscheint nicht auf der Frontseite. 5 Tote in Florida, USA - und es ist der Aufhänger
auf der Fronseite.
28. September 2004
Ein Tag für die Delete-Taste. Für CTRL Z, die Wiederherstellung des Dokumentes,
wende man sich direkt an: sarah.fasolin@gmx.net
29.September
Geahnt habe ich es schon längst, aber am Forum der Nicaraguanischen Frauen
wird es mit Zahlen deutlich: Es sind die Frauen, die in diesem Land den Karren ziehen.
Sie bringen 40% für das BIP und ziehen daneben noch die Kinder gross. In den
letzten Jahren hat sich diese Tendenz verstärkt, da viele Männer auf der
Suche nach Arbeit nach Costa Rica ausgewandert sind und ihre Frauen zurückliessen.
Das Forum endet mit zahlreichen Voten von kämpferischen Frauen: “Wenn
wir schon soviel beitragen in diesem Land, müssen wir auch an die Macht!”,
ruft eine der Frauen und alle anderen klatschen. Auf der Heimfahrt kommen wir wieder
an der Kreuzung vorbei, an der eine Frau Süssigkeiten und Wasser verkauft an
die in der Kolonne stehenden Autofahrer. Ihre drei halbnackten Kinder spielen währenddessen
auf der kleinen Verkehrsinsel nebenan.
30. September
Bauern protestieren vor dem Steuer- und Finanzamt, weil ihnen der Grundbucheintrag
für ihr erworbenes Landgut verweigert wird. Seit elf Tagen campieren sie mit
ihren Familien im Park neben an und versuchen jeden Tag ihr Glück von Neuem.
Es sind wiederum Frauen, die den Kontakt zu den Medien halten und mit den Behörden
verhandeln, zu Frieden aufrufen, wenn einige lieber Steine in die Hand nähmen.
Abends besuche ich ein Projekt der Berner Stiftung “Vivamos Mejor” in
Nagarote, etwa eine Stunde von Managua entfernt. Es werden verschiedene Schulungen
angeboten, an diesem Abend handelt es sich um einen Kurs für Eltern mit schwierigen
Jugendlichen. Ein Soziologe erklärt alles rund um Pubertät und das Erwachsenwerden.
Die Teilnehmenden stellen Fragen und erzählen ihre Erfahrungen. Eingeladen
waren alle interessierten Eltern – gekommen sind zehn Mütter.
5. Oktober
Ich bin seit ein paar Tagen im Inlandressort und beschäftige mich mit der Frage,
was in Managua passieren würde, wenn es ein ähnliches Erdbeben gäbe,
wie 1972. Damals hat ein heftiges Beben die ganze Innenstadt komplett zerstört.
Noch heute stehen Ruinen, in denen sich arme Familien ein Zuhause eingerichtet haben.
Das Zentrum wurde nie wieder aufgebaut, stattdessen wuchs Managua an allen Ecken
und Enden und ist zu einer unübersichtlichen und optisch unattraktiven Stadt
geworden. Es gibt zum Beispiel auch keine Strassennamen. Wenn ich abends von der
Prensa nach Hause möchte, läuft das Gespräch mit dem Taxifahrer immer
in etwa so ab: “Ich muss ins Bolonia Quartier, in die Nähe des Tica-bus.
Kennen Sie die Herberge Santos?” – “Nein, ist die südlich
oder nördlich vom Tica-bus?” – “Oder kennen Sie das Casa
del Obrero?” – “Ja” – “Von dort sind es zwei
Blocks nach Süden und einen halben Block nach Osten”. Doch auch ohne
Strassennamen kommt man meist zum Ziel.
6. Oktober
Heute wie gestern Interviews mit Seismologen, Architekten, Vertretern von Wohnungsbauprojekten.
Ich stosse auf zwei interessante Aspekte: Offenbar gibt es eine Untersuchung, die
genau meine Frage beantworten will. Gebäude und Infrastruktur werden auf ihre
Erdbebentüchtigkeit geprüft. Mit diesen Daten will man errechnen, wie
Managua nach einem Erdbeben der gleichen Stärke wie 1972 aussehen würde.
Der zweite Aspekt: Ein Architekt erzählt, dass beim Bau eines der grossen Einkaufszentren
in Managua in letzter Minute eine der tragenden Säulen aus dem Bauplan gestrichen
wurde. Weil sie für den Innenausbau ungünstig war. Das waere eine kleine
Skandalgeschichte, doch zuerst braucht es dafür noch ein paar weitere Abklärungen.
8. Oktober
Reise aufs Land. Ich besuche ein Projekt der Nichtregierungsorganisation Worldvision,
wo Bauern in abgelegenen Dörfern für die Katastrophenhilfe ausgebildet
werden. Sie haben Risikokarten fuer ihr Dorf (200 Einwohner) erstellt und ein Notfallkomitee
gebildet, das im Falle eines Erdbebens, Vulkanausbruches oder Hurrikans zum Einsatz
kommt. “Nach dem Mitch sind wir orientierungslos herumgeirrt und haben überall
ein bisschen geholfen”, erklärt mir Olivia, die in der Erdbeben-Gruppe
mithilft, “heute sind wir organisiert und wissen, was zu tun ist.” Nur
an Ausrüstung fehlt es den Komitees noch. Ihr Material umfasst eine Tragbahre
für Verwundete, Seile für die Rettung bei Überschwemmungen und einer
kleinen Kiste mit Verbandmaterial.
9. Oktober
“Woran arbeitest du gerade”, fragt mich eine Bekannte am Nachmittag
und ich erkläre ihr die Sache mit dem Erdbeben. “Reden wir nicht von
den Erdbeben”, antwortet sie, “bis jetzt hat uns Gott glücklicherweise
davor bewahrt.” Eine Stunde später rennen die Leute voller Angst aus
den Gebäuden – die Erde bebt. Strassen, Telefonstangen, Mauern, Häuser,
alles bewegt sich hin und her. In ganz Zentralamerika zittert die Erde und zittern
gleichzeitig die Menschen, die nicht wissen, was noch kommt. Es ist eines der stärksten
Beben seit langem: 6.3 auf der Richterskala, Epizentrum in 47 Kilometern Tiefe,
155 Kilometer von Managua entfernt. Man atmet auf, als klar wird, dass ausser ein
paar Rissen in einzelnen Häusern kein Schaden entstanden ist.
12. Oktober
Die Recherchen zur Erdbebensicherheit in Managua gehen weiter. Interview mit dem
Chef des grössten Bauunternehmens in Nicaragua, mit dem Präsidenten des
Bauverbandes und ein Gespräch mit dem Institut für territoriale Studien,
die mir nun für kommende Wochen die spannenden «datos» versprechen.
Kann ich mich darauf verlassen? Das ist eine berechtigte Frage. Nächste Woche
wird es sich zeigen.
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13. Oktober
Zur Abrundung meiner Geschichte suche ich eines der Erdbeben-Überbleibsel auf.
Gebäude, die 1972 zwar stark beschädigt wurden, aber nicht eingestürzt
sind. Hier, in diesen bröckelnden, von Rissen und Furchen gezeichneten Betonruinen
haben sich obdachlose Familien eingenistet. Auf der Prensa ist man zwar der Ansicht,
dass ich da nicht hin müsse- “das ist immer das Gleiche dort”.
Ich gehe trotzdem und treffe im dritten Stock Eduardo Finyl, der vor vier Jahren
mit seinen fünf Kindern und seiner Frau von der Atlantikküste nach Managua
kam, in der Hoffnung auf Arbeit. Sein kleinster Sohn rennt barfuss über den
rissigen Beton.

Das Erdbeben vom Samstag hat die Spalten noch weiter geöffnet, erzählt
mir seine Frau. “Wir haben die Kinder gepackt und sich auf die Strasse gerannt”.
Der Schreck steht ihr noch im Gesicht geschrieben. “Wie eine Hängematte
ist das Haus hin und her geschaukelt”, sagt Don Eduardo und ich glaub es ihm
gern. Das Gefühl von der bebenden Erde ist noch tief in mir. Die Frauen zeigen
mir, wo sie manchmal im Hinterhof übernachten, wenn sie die Angst nicht einschlafen
lässt. Neben vermoderndem Abfall, auf dem Fliegen kreisen und Hunde bellen,
warten sie auf den nächsten Morgen, den nächsten Tag.

19. Oktober
Die Erdbebengeschichte ist im Kasten und ich trabe bei der Chefin vor, um einen
neuen Auftrag zu fassen: “Protestkundgebung von INATEC um 10 Uhr vor dem Parlament,
ruf Guillermo an, dass er mitkommt und ein Foto macht.” Und schon ist sie
weg in einer Sitzung. Nun beginnt die Recherche vor der Recherche. Was ist INATEC?
Wer ist Guillermo und wo finde ich seine Nummer? Ich habe kaum Zeit, mich in das
Thema einzulesen und so widerfährt mir, wie bereits einige Male zuvor: Ich
komme an den Ort des Geschehens und habe keine Ahnung, worum es eigentlich geht.
Mittlerweile habe ich Übung in dieser Überlebenstaktik und halte wieder
irgendwelchen Leuten, die mir wichtig erscheinen, das Aufnahmegerät unter die
Nase. Schon sehe ich meine Rettung, als Guillermo, der Fotograf auftaucht. Aber
er sagt nur, er habe auch keine Ahnung. Zurück auf der Redaktion bin ich der
Verzweiflung nahe und bekomme erst nach x zusätzlichen Telefonaten, e-Mails
und Erklärungen seitens meiner Redaktionskollegen die Essenz dieser Geschichte
heraus.
20. Oktober
Ein Erfolgserlebnis. Der Erdbebenartikel erscheint. Ungekürzt und ohne, dass
aus drei Sätzen ein Satzgefüge aus 15 Zeilen gebastelt wurde. Auch der
Abschnitt über die Menschen in den Ruinen – meine kleine Rebellion gegen
das Desinteresse der Prensa (siehe Eintrag vom 13.Oktober) - wird unverändert
publiziert. Mehr noch: Es erscheinen gleich zwei Fotos, die die gefährlichen
Lebensumstände der Familien illustrieren. Ein schönes Zeichen. Ich bin
stolz auf die Prensa!
22. Oktober
In Managua fehlts an allem, sogar an Schachtdeckeln. An jeder Ecke und mitten auf
der Strassen kann, wer nicht aufpasst, in ein Loch von bis zu zwei Metern Tiefe
fallen. Fussgänger brechen sich Kiefer und Beine, während die Banden die
gestohlenen Deckel irgend in einem Hinterhof einschmelzen oder weiterverkaufen.
Eine Frau erzählt mir, dass es auf dem Abfallsammelplatz ein Eisenhändler
gäbe, die die Schachtdeckel abkaufen.
Wir fahren hin, doch schon als ich von Weitem das gigantische Gelände voller
Abfall sehe, will ich am liebsten umkehren. Mitten in den Bergen voller Güsel
lässt der Fahrer mich und den Fotografen stehen. Es ist entsetzlich: Überall
Abfall, Fliegen, Hunde, Kühe, Aasgeier. Und dazwischen Menschen, die nach brauchbaren
Dingen suchen. Es stinkt bestialisch, die Hitze ist unerträglich und ich will
einfach nur weg hier. Aber wir sind mindestens einen Kilometer weit vom Ausgang
entfernt. Ich haste, den Fotografen im Schlepptau, über Glasscherben, Konservendosen
und jede Menge undefinierbares, verwesendes Zeugs dem Ausgang zu. Per Zufall treffe
ich auf ein paar der Eisenhändler, die selbstverständlich alle keine Ahnung
haben, wer hier Schachtdeckel ankaufen könnte.
Jetzt gibts nur noch eins: So schnell wie möglich weg hier. Auf einmal steht
ein nacktes Kind vor mir, huscht weg und ich sehe ihm nach, wie es unter ein paar
Wellblechen verschwindet. Da wohnen Menschen! Natürlich kennt man das, von
GEO-Reportagen und DOK-Filmen. Doch wenn man auf einmal mitten drin ist, die Leute
vor sich sieht, der Mann, der einen Fisch findet, ihn in eine leere Konservendose
quetscht und über dem Feuer kocht, wenn man dies auf einmal so real erlebt,
ist es furchtbar traurig und furchtbar schlimm. Das ist das Nicaragua, das so sehr
weh tut.
Zum Glück gibts auch das andere.
25. Oktober
Der Endspurt für die Schachtdeckelgeschichte. Die Chefin macht Dampf, der Artikel
muss heute fertig werden. Zum Glück klappt es relativ gut mit den ausstehenden
Interviews in der Stadtverwaltung. Schliesslich bleibt noch Zeit für einen
Rundgang auf dem orientalischen Markt. Dort soll es verschiedene illegale Giessereien
haben, die die Schachtdeckel abkaufen und einschmelzen. Eine Weisse und ein Fotograf
auf der Suche nach Schachtdeckeln – das macht den hinterst und letzten Marktverkäufer
misstrauisch. Ein Freund des Fotografen gibt uns schliesslich einen Tipp und wie
wir uns über den genauen Ort unterhalten, stösst ein anderer Mann hinzu
und sagt: “In der grossen Giesserei da gleich in der Nähe, da kaufen
sie die Deckel.” - “Das kann nicht sein, das ist ja eine so grosse Firma”,
antwortet der Freund des Fotografen. “Aber klar doch!”, behauptet der
Mann und es entflieht ihm der Satz: “Ich weiss das doch, ich habe schon oft
Schachtdeckel dorthin verkauft!” Ich muss lachen und später denke ich
an all die Situationen, in denen ich diese entwaffnende Ehrlichkeit in Nicaragua
- vor allem bei der unteren Gesellschaftsschicht - schon erlebt habe.
26. Oktober
Das Altbekannte: Ich muss an eine Veranstaltung, die bereits begonnen hat und ich
habe keine Ahnung, worum es geht. Justiz, neues Gesetz, Versammlung der Richter
– irgendetwas in der Art. Mittlerweile bin ich ja geübt und stürze
mich deshalb als Erstes auf die Empfangsdame, die die Unterlagen an die Richter
verteilt. “Kann ich auch eine Dokumentation haben?”. – “Nein,
für die Presseleute gibt’s nichts, das ist nur für die Richter,
ist alles genau abgezählt.”. Ich bitte und bettle, mache sie darauf aufmerksam,
dass nicht alle Stühle besetzt sind und sicher jemand nicht kommt – kein
Erfolg. Ich versuche die Mitleidvariante: “Sehen Sie, ich bin Ausländerin,
ich habe keine Ahnung, was hier abgeht. Verstehen Sie doch, ich muss einen Artikel
schreiben...” Gnadenlos die Frau! In der Pause versuche ich in den Interviews
herauszubekommen, worum es hier geht. Einer der Richter zeigt sich sehr hilfsbereit,
streichelt dafür während des ganzen Interviews meinen Arm und Rücken...
zum Schluss umarmt er mich und küsst mich auf die Wange. Perplex befreie ich
mich aus seiner Umklammerung und stammle ein paar Worte von wegen, ich müsse
jetzt gehen. Da zieht er mich nochmals an sich und verlangt einen Kuss. Solche Dinge
kann man sich als Präsident des Arbeitsgerichtes Managua offenbar leisten,
hat er sich wohl gedacht. Doch nicht mit mir. Das erste Mal war ich überrascht
und hilflos. Das nächste Mal aber, darauf kann er Gift nehmen, schmier ich
ihm eins fadengerade. Und freue mich jetzt schon auf die Schlagzeile: “Schweizer
Journalistin ohrfeigt Richter”.
27. Oktober
Das Schicksal bringt mich an jenen Ort zurück, von dem ich vor ein paar Tagen
so geschockt und betroffen geflüchtet bin: Die Abfallhalde. Ausgerechnet! Eine
Kinderorganisation veranstaltet eine Pressekonferenz, an der die Kinder den Kandidaten
für das Stadtpräsidium ihre Forderungen mitteilen können (am 7. November
finden in Nicaragua Kommunalwahlen statt). Die Kandidaten erscheinen nicht, die
Journalisten dafür umso zahlreicher. Mit vor Aufregung zittriger Stimme reden
sie ins Mikrofon: «Guten Tag. Ich heisse Roberto Mendez, bin 12 Jahre alt.
Meine Familie arbeitet auf der Abfallhalde. Das habe ich auch gemacht, aber jetzt
gehe ich in die Schule. Im Abfall ist es viel zu gefährlich für uns Kinder,
wir werden viel krank». Zurück auf der Redaktion will ich von den Kandidaten
wissen, was sie für Pläne für die 1300 Familien haben, die vom Abfallhaufen
leben. Zwei der vier befragten Kandidaten geben eine Antwort, zwei nehmen keine
Stellung.
28. Oktober
An meinem zweitletzten Tag auf der Prensa schaffe ich es auf die Titel-Seite. Auf
meine Schachtdeckelgeschichte meldet sich der Besitzer einer Giesserei und sagt,
es sei also überhaupt nicht so, dass die Giessereien Schachtdeckel kaufen und
einschmelzen würden. Ich gehe bei ihm vorbei, auch wenn es mir schon beim Betreten
der dunklen Halle ein wenig «gschmuch» wird. Schrottplatzcharakter.
Typen mit langen Haaren und misstrauischen Blicken. Noch unwohler fühle ich
mich, als ich auf einmal einen Stapel Schachtdeckel entdecke... “überschüssig”,
erklärt mir der Giesserei-Boss. Er habe früher nämlich oft für
die Stadt Schachtdeckel gegossen, aber seit ein paar Jahren laufe das Geschäft
nicht mehr. Ich schreibe einen Artikel unter dem Motto “da liegen in der Giesserei
100 von Schachtdeckeln herum, während sie in den Strassen fehlen”. Und
das ist der Prensa einen Frontanriss wert.
29. Oktober
Mein letzter Tag widme ich den Leuten von der Abfallhalde. Ich arbeite an einer
Reportage über den 14jährigen Pablo, der mit Hunderten anderen Abfallarbeitern
den «Güsel» nach Aludosen, Glas und Papier durchwühlt. Nachmittags
besucht er die Schule. Ich begleite Pablo einen ganzen Tag.
Nach einer Stunde bei 35 Grad in praller Sonne nehme ich Hitze und Gestank kaum
mehr wahr. Bis zu den Knöcheln stehe ich im Sumpf und versuche Pablo nicht
aus den Augen zu verlieren und gleichzeitig nicht von einem Müllwagen oder
Caterpillar-Trax überfahren zu werden. Auf einmal stampft eine junge Frau vorbei,
laut heulend. Die Tränen rinnen ihr übers Gesicht. “Hör auf”,
ruft sie einem Typen am anderen Ende des Abfallberges zu, “ich habe dir gesagt,
du sollst mich in Ruhe lassen.” Schluchzend schlägt sie ihre Hacke in
den Abfall und sucht nach Verkäuflichem. Ich frage sie, was passiert ist und
sie erzählt mir, weinend, dass dieser Typ etwas von ihr wolle, sie ihn aber
nicht wolle und dass er sie deshalb schlage. Er habe gedroht, sie umzubringen und
sie habe Angst. Juana ist 20 und hat all ihre Familienangehörigen verloren.
Pablos Mutter erklärt ihr den Weg zur Polizei. “Als ich mich vor zwei
Jahren von meinem Mann getrennt habe, weil er mich und die Kinder immer verdrosch,
haben sie mir dort geholfen.” Solche Geschichten sind Alltag hier. Doch auch
hier, an diesem trostlosen und scheinbar gottvergessenen Ort, gibt es das andere
Nicaragua. Da findet Fabrizio, ein Freund von Pablo, ein paar Jeans. Er freut sich,
stellt aber fest, dass sie vom Abfall ganz nass geworden sind. Zum Trocknen legt
er sie einfach auf eine der Kühe, die dutzendfach auf der Halde herumstochern.
Wir müssen alle lachen und für einen Moment erhellen sich die ernsten
Gesichter der Abfallarbeiter.
ENDE
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