«Die Frage ist banal – die Antworten sind schwierig» - so begrüsste Sylvia Egli von Matt die Teilnehmenden des diesjährigen Mediapodiums am 10.9.2012 in Luzern, das der bedeutsamen Thematik nachging, was denn Erfolg im Journalismus ausmacht.
Die Ansätze der Antworten, die Best-Practice-Beispiele aus Deutschland und Schweden, waren vielschichtig - und mindestens gut genug, beim Networking-Buffet auf der prächtigen KKL-Terrasse für anregende Diskussionen zu sorgen. Viele werden aber auch Einsichten in Voraussetzungen wie Professionalität, Kreativität, Leidenschaft, Dialogbereitschaft, Mut oder konkrete Ideen in ihre Verlage, Redaktionen und Büros mitgenommen haben.

Podiumsleiter Hugo Bigi, MAZ-Direktorin Sylvia Egli von Matt, zusammen mit den ReferentInnen Lucy Küng (Jönköping Universität, Schweden), Anette Novak (Chefredaktorin Norran, Schweden), Daniel Puntas Bernet (Herausgeber Reportagen) und Daniel Nauck (Leiter 2470media); vlnr

Anette Novak, ehem. Chefredaktorin Norran, Schweden und Vorstandsmitglied World Editors Forum
Sie berichtete von den fundamentalen Umstellungen einer schwedischen Regionalzeitung, die sich konsequent näher zur Leserschaft bewegte - auch mit 'unvorstellbaren' Ansätzen, wie sie am Beispiel des vertikalen Eierbechers illustrierte.

Lucy Küng, Medienwissenschafterin, Professorin für Medienökonomie und -management an der Jönköping Universität, Schweden; SRG-Verwaltungsrätin: «Why 'us & them'? Let them in!»
«What went wrong?» Diese Frage stellte sie führenden Köpfen erfolgreicher Medien der Vergangenheit, die den Wandel unterschätzt hatten, sei es wegen der Geschwindigkeit und Komplexität der Veränderungen, sei es, weil sie alten Vorstellungen nicht entkommen konnten. Die Gespräche mit verschiedenen Chefredaktoren und ihren Erfahrungen mit dem Strukturwandel in der Medienwelt, den Herausforderungen des technologischen Wandels, fasste Lucy Küng zu einem Set von Empfehlungen zusammen. > PDF

Daniel Nauck, Mitgründer und Geschäftsführer von 2470media, einem Produktionsstudio für journalistische Multimedia-Reportagen in Berlin
Er prach als Vertreter einer neuen Genration von Medienmachern, die den rasante Wandel der Medienlandschaft mit eigenen Ideen, neuen Technologien und Geschäftsmodellen bereichern. Er zeigte Beispiele von kleinen multimedialen Geschichten und Portraits, die sein interdisziplinäres und gut vernetztes Team von Freiberuflern produziert. Etwa die «Berlinfolgen», die sich dank Empfehlungen über Social Media enorm verbreiten. Dabei ging es auch um breit abgestützte (Quer-) Finanzierung mittels Crowdsourcing, Merchandising, Workshops oder Corporate Publishing. > PDF

Daniel Puntas Bernet, Herausgeber des Magazins 'Reportagen', u.a.
Ein Beispiel dafür, dass sich traditionelle und erprobte Qualitätsmuster zu neuem Leben erwecken lassen: Puntas Bernet hat sein «gemachtes Nest» als Wirtschaftsredaktor verlassen, um einer beruflichen Passion zu frönen: Er gibt ein Printmagazin heraus, mit langen, bebilderten Reportagen.

«Reportagen» erscheint seit Oktober 2011 zweimonatlich, fokussiert vollständig auf die literarische Reportage und verzichtet auf Fotostrecken. Auch typografisch setzt 'Reportagen' einen klaren Kontrapunkt zu etablierten Hochglanz-Magazinen. Das Magazin bietet Raum für ausführliche, subjektiv gefärbte Reportagen. Voraussetzung ist, dass die Autoren das Geschriebene vor Ort erlebt haben.

Dazwischen: Schnelle Reime, schräge Bilder, Purzel- und andere Bäume, Schnarchgeräusche - von Lara Stoll, 2010 Slam Poetry Europa- und Schweizermeisterin.

Podiumsleitung Hugo Bigi, MAZ-Dozent

«Das war ein Abend, an dem nicht gejammert wurde, sondern JournalistInnen auftraten, die fest an die Zukunft 'guter' Medien glauben – und selbst etwas dafür tun. Change ist möglich. Change ist nötig. Und Change beginnt im Kopf. Diese Stossrichtung, etwa im Referat von Anette Novak, gefällt mir besonders, besagt sie doch, dass wir etwas bewegen können und somit die Zukunft selbst in der Hand haben. Wenn wir dann traditionelle und neue Medien nicht gegeneinander ausspielen, sondern 'sowohl als auch' denken und Leserinnen, Zuhörer und Zuschauer in den Mittelpunkt stellen und gar mit ihnen zusammenarbeiten, stehen wir wohl auf der erfolgreichen Seite» kommentiert Sylvia Egli von Matt, Direktorin des MAZ.

«Ein gelungener Abend. Wegen der Referate, aber auch wegen der guten Gespräche vor, in der Pause und nach dem Podium.
Inhaltlich zwei Dinge. Nach den beiden Vorträgen und Erkenntnissen von Anette Novak und Lucy Küng fiel mir auf: Ich hatte ein Gefühl des 'déjà vu', als ob ich das alles schon mal gehört hätte in den vergangenen Jahren. Hin zur Community, alle alten Modelle vergessen, es bleibt kein Stein auf dem anderen, etc. etc. Und fragte mich: Ok, aber was fangen wir jetzt damit an? Wo fangen wir an?
Dann kamen – und jetzt bin ich beim zweiten für mich wichtigen Eindruck – Daniel Nauck und Daniel Puntas Bernet. Und ihre Produkte zeigen: Egal, ob deine 'Kanäle' alt oder neu sind: Wenn du etwas produzierst und damit Erfolg haben willst, muss dieses Produkt qualitativ GUT sein. Du musst gute Geschichten aufgreifen, sie journalistisch gekonnt erzählen, sie überraschend umsetzen (wie Nauck und sein Team das machen). Sonst gehst du im Meer des Durchschnittlichen, des Unverbindlichen unter.» Bernd Merkel, MAZ-Studienleiter.

«Es wird so viel gejammert in unserer Branche. Und so wenig wirklich Innovatives gemacht. Ich fand es sehr inspirierend, Leuten zuzuhören, die Visionen haben und sie auch umsetzen.» Alexandra Stark, MAZ-Studienleiterin.


«Die Feststellungen von Lucy Küng, dass die Verlage viel Geld und Zeit in Konzepte und Analysen investieren, anstatt aktiv zu Produzieren und Erfahrungen zu sammeln, wiederspiegelt schön die Situation der grossen Verlage in der Schweiz: Aus den Häusern NZZ, Tamedia und SRF hört man viel über Strategien, die Umsetzung wird aber immer wieder verschoben. Demgegenüber zeigen die Projekte von Daniel Nauck mit seinen Online-Multimedia-Reportagen und Daniel Puntas Bernet mit seinen unbebilderten langen Textreportagen in Print, dass man in aller Richtungen experimentieren kann und sollte. Denn am Ende des Jahres werden beide durch ihre Erfahrungen viel mehr gelernt haben, als die drei erwähnten Verlage zusammen. Und das Lehrgeld, das die Investoren dafür zahlen, dürfte tiefer sein als die Projektkosten der Verlage.» Beat Rüdt, MAZ-Studienleiter

«Zum Glück gibt es in der Branche noch Menschen, die mit Leidenschaft Neues ausprobieren und Geschäftsmodelle erproben, die (hoffentlich) funktionieren wie Daniel Nauck von 2470 Media, oder die wie Daniel Puntas Bernet mit Reportagen Produkte wider den Zeitgeist schaffen. Menschen mit Ideen, mit dem Mut, neue Wege zu gehen und es einfach tun.» Barbara Stöckli, MAZ-Studienleiterin




Zusammenstellung: Frank Hänecke, MAZ
Fotos: Jiri Reiner
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